Home Münzen in der Kulturgeschichte Karl der Große & die Münzentwicklung

Karl der Große & die Münzentwicklung

Das ändert sich gründlich seit Karl dem Großen, dessen Kaiserkrönung die Vermählung zwischen geistlichem und weltlichem Imperium darstellt und Europa mit der unseligen Theorie von den zwei Schwertern, die Gott in die Welt gegeben, beschenkt hat. Von nun an steht auch im Staatsleben alle Taten des Einzelnen und die der Gesamtheit unter dem Schutz und zugleich der Zucht der Religion und ihrer sichtbaren Vertretung auf Erden, der Kirche. Deren Einfluss ist daher auch auf das Münzwesen in mancher Beziehung noch größer als jemals zuvor. Vor allem ist es eine ganz eigenartige Erscheinung, dass fast alle Völker und Staaten mit der Annahme des Christentums auch anfangen Münzen zu prägen. Böhmen und Polen, Schweden und Dänemark und als letztes die Ungarn. Die Münzprägung ist geradezu das Zeichen des christlichen Herrschers und des im Sinne der Zeit modernen Reiches. Die Zugehörigkeit zu dem allgemeinen (katholischen) Bekenntnis, gewährleistet den Mitgenuss der von der Kirche aufgestapelten geistlichen Güter, der getaufte Fürst wird ein Mitträger des christlichen Imperiums, zu dessen vornehmsten Rechten seit alters eben der Münzschlag gehört. Der Einfluss der Religion zeigt sich am nächsten und deutlichsten im Gepräge der Münzen.

Das christliche Kreuz und andere christliche Symbole auf der Münze!

Seit Karl dem Großen und seinem streng kirchlichen Sohn Ludwig wird das Kreuz zur regelmäßigen Darstellung der einen Seite der Münze. Damit tritt es in eine Rolle, die es durch das ganze Mittelalter hindurch überall und nur mit wenigen Ausnahmen bewahrt und in mehreren davon benannten Sorten, dem Kreuzer (crucifer, cruciger), dem portugiesischen Cruzado und dem niederländischen Kreuztaler bis tief in die Neuzeit beibehalten hat (vgl. Abb. 34, 56). Das Kreuz ist beinahe so vollständig zum notwendigen Bestandteil des Gepräges einer richtigen Münze geworden, dass die eine Seite des Geldstücks in England „crosside" (Kreuzseite) hieß und dass spätere morgenländische Fürsten, die Geld nach „fränkischen" Mustern schlugen, sich nicht scheuten, auch dieses ihrem Glauben doch so verhasste Zeichen mit zu übernehmen. Neben dem Kreuz ist in der Karolingerzeit ein von Säulen getragener Tempel das häufigste Münzbild, das durch die Beischrift gelegentlich als „Christiana religio", also als ein Sinnbild des Glaubens selbst erklärt wird und das sich Jahrhunderte hindurch erhalten hat. Neben diese ältesten und umfassendsten Bilder treten dann schon sehr bald andere, dem Gedankenkreis der Kirche entnommene Darstellungen. Da ist zunächst eine höchst merkwürdige Figur, aus einer in drei Spitzen auslaufenden, aber völlig symmetrisch in sich zurückkehrenden Linie bildet. Die gelegentliche Beischrift „Sancta Trinitas" lässt sie als eine Versinnlichung des höchsten Mysteriums der Christenheit erkennen (s. Abb. 26). Von Gott wird immer nur die Hand, die vielgepriesene dextera dei, später auch das Auge dargestellt. Der Heiland erscheint, abgesehen von Byzanz und den Nachahmungen byzantinischer Münzen, im frühen Mittelalter sehr selten in Person. Im 15. Jahrhundert wird er häufig in thronender und segnender Gestalt abgebildet. In Schweden erhält er sich auf den Salvatortalern bis nach 1650. Das Christus-Monogramm dagegen, dem Symbol der Ewigkeit nach der Offenbarung (1, 8.) macht im 15. Jahrhundert dem Schema „JHS-Jesus Hominum Salvator“ Platz. Sehr beliebt ist die Darstellung des Heilands als Lamm in Anlehnung an das Johannesevangelium (1, 29.) viel seltener die als Fisch, Einhorn oder Löwe und als Gekreuzigter. Der heilige Geist in der Form der Taube ist kaum nachweislich. Unter den sächsischen Kaisern kommt die Mutter Gottes auf Münzen von Hildesheim und Worms vor, um dann eines der häufigsten Münzbilder zu werden. Von ihm stammt der Name „Marien-Groschen“. Zur selben Zeit treten auch die Heiligen auf: Mauritius in Magdeburg, Simon und Judas in Goslar, Kilian in Würzburg u.v.a. Das Bildnis des Heiligen, dem die Pfarr- oder Hauptkirche der Münzstadt gewidmet ist, wird sehr bald ihr beliebtestes Gepräge, das oft den Namen oder die anderweitige Bezeichnung der Stadt selbst ersetzt.

Auch in Griechenland werden immer häufiger Heilige auf Münzen abgebildet!

Der gleiche Vorgang, den wir an den griechischen Münzen beobachteten. Genau wie dort erscheint jetzt statt des Heiligen, auf den mit geringerer Kunst ausgeführten Münzen, nicht selten das ihm in der christlichen Kunst oder der Legende beigelegte Attribut, häufig das Werkzeug, durch das er den Märtyrertod erlitt. So vertritt die Lilie die Jungfrau Maria und den Täufer Johannes und ist auf diesem Wege zum Wappen der Bistümer Straßburg und Breslau wie der Stadt Florenz (s. Abb. 33) geworden. Auch Rose und Stern sind sozusagen Rebus der Gottesmutter, der „rosa sine spina", der „stella maris" und „matutina", wie sie in Gebeten und Litaneien heißt. Die Muschel bezeichnet den heiligen Pilger Jakobus, der Rost den heiligen Laurentius, drei Kronen die heiligen drei Könige. Seltsam mutet uns die Verbindung eines Heiligen mit seinem Tier zu einer Gestalt an, wie z.B. der Greif mit einem Bischofskopf, auf dem sich eine Mitra befindet, auf Regensburgern (s. Abb. 27) oder der Adler mit menschlichem Kopf in Böhmen (St. Wenzel). Auch Darstellungen von Legenden und Martyrien finden sich bereits früh. Insbesondere wird der heilige Stephan schon auf Denaren des Bischofs Adalbero III. von Metz (1047-1072) in dem Augenblick dargestellt, wo er von den Steinwürfen seiner Verfolger getroffen zusammenbricht. Halberstädter Münzen des 12. Jahrhunderts wiederholen diese Szene mit einer figurenreichen Gruppe (s. Abb. 62). Ein polnischer Stempelschneider hat das Wunder des heiligen Adalbert, die Auferweckung des Piotrowin, um 1150 als Vorbild einer, allerdings sehr rohen, Darstellung genommen. Weitaus kunstvoller sind etwas spätere Merseburger Brakteaten mit der Marter des heiligen Laurentius. Gegen Ende des Mittelalters wird die Erscheinung von Damaskus in Münster, der englische Gruß in Frankreich und Italien auf Goldmünzen (daher „salut" genannt, s. Abb. 66) dargestellt. Auch Engel sind ein nicht seltenes Münzbild; sie erscheinen meist in betender Haltung, machmal tragen sie ein Kreuz, eine Tafel mit Inschrift und dergleichen mehr. Wie bei den Römern die Eigenschaften eines guten Kaisers, so werden im Mittelalter die von der Kirche anerkannten sogenannten sieben Kardinaltugenden: Fides, Spes, Caritas, Justitia, Prudentia, Fortitudo, Temperantia, (Gerechtigkeit, Tapferkeit, Weisheit, Mäßigung, Glaube, Hoffnung, Liebe) einzeln oder zu mehreren in Idealbildern dargestellt oder auch nur genannt.

Selbst der Teufel findet sich auf Münzbildern wieder!

Damit auch der Widersacher und Affe Gottes nicht fehlt, hat ein böhmischer Eisenschneider um das Jahr 1100 das Bild des Satans auf seinen Pfennig gesetzt, während andere Münzen, allerdings weit seltener als die Skulptur, das überwundene Heidentum in Gestalt eines krokodilartigen Drachen abbilden. Das alte Testament ist jedoch mit verschiedenen Darstellungen, in denen die Kirche einen Hinweis auf den Heiland sah, wie z. B. Adam und Eva, Simson usw., vertreten. Von all diesen Geprägen wird später in dem der Kunst gewidmeten fünften Abschnitt noch eingehend die Rede sein. Die Veränderung aller Lebensverhältnisse des Mittelalters durch die Religion hat sich aber nicht mit der, wie die vorstehend angeführten Proben zeigen, durchaus ansehnlichen Menge ersichtlich geistlicher Münzbilder begnügt. Diese Typen sind keine Einzelerscheinungen, vielmehr der Ausdruck einer allumfassenden Anschauung, einer sozusagen maßgeblichen Geschmacksrichtung. Daraus folgt, dass eigentlich alle Gegenstände, die wir auf den Münzen treffen, vielleicht nur von dem als solches kenntlich gemachten Fürstenbild abgesehen, eine geistliche Bedeutung haben oder wenigstens haben können, so dass also z.B. ein Fisch nicht einen Fisch, sondern den Heiland, ein Turm nicht eine Burg, sondern die Kirche, ein mit einem Untier kämpfender Krieger kein tapferer Landesherr ist, sondern die mit dem Satan ringende Seele darstellt. Die kirchliche Allegorie ist ja ihrerseits so universell, dass es kaum einen Gegenstand, ein Wesen, eine Figur geben dürfte, in dem sie nicht irgendeinen mystischen Sinn gefunden hätte. Hieraus ergibt sich für den praktischen Numismatiker die nur bedingte Möglichkeit einer Zuteilung und Erklärung für sehr viele der ältesten Münzen.

Man findet zahlreiche geistliche Inschriften auf Münzen!

Nicht weniger zahlreich als die geistlichen Münzbilder sind die geistlichen Inschriften. Da ist vor allem die Formel „dei gratia", die zuerst auf Münzen Karls des Kahlen vorkommt und als ein besonderes Vorrecht des obersten Lehnsherrn gegolten zu haben scheint, da sie sonst kaum verwendet und ihr Gebrauch von Ludwig XI. von Frankreich dem Herzog der Bretagne als Staatsverbrechen angerechnet worden ist. Sie wurde, zwar gelegentlich durch die Phrase „misericordia dei" oder gleichbedeutende Bibelsprüche ersetzt, aber erst zu Ausgang des Mittelalters allgemein. Manche Fürsten wiederum nennen sich Knecht Gottes oder des Kreuzes, auch wird Gott selbst als Herrscher auf den Münzen einiger normannischer Seekönige genannt. Erwähnt sind schon die Aufschriften „Christiana Religio" und „Sancta Trinitas", die doch mehr als eine bloße Erklärungen des Münzbildes darstellen und scheinbar gleichzeitig ein Bekenntnis, eine Anrufung bedeuten. Gleichwertig sind die auch ohne das entsprechende Münzbild erscheinenden Worte „Dextera Domini", „Piscis" und das Wort INRI in den Winkeln eines Kreuzes auf einem kleinen Pommern des 14. Jahrhunderts, sowie „Rosa" neben dem Hildesheimer Marienbild. Das auf angelsächsischen Münzen häufige Wort „Pax" ist entweder wie in Byzanz, wo es zuerst und zwar auf dem Reichsapfel Justinians II. erscheint, der Anfang der Weihnachtsverkündigung oder der der kirchlichen Segen-Formel, doch dass damit seine Bedeutung nicht erschöpft ist, beweist ein dänischer Pfennig aus der Zeit um 1050 mit den in Kreuzform gesetzten Worten „Rex, Lux, Lex, Pax", deren Deutung auf die Majestät Gottes ein gleichzeitiges Gedicht ergibt. Dänischen Ursprungs ist auch ein Pfennig derselben Epoche mit dem, auf beide Seiten verteilten Anfang des Johannesevangeliums, eine ebenso merkwürdige wie einzige Erscheinung. Und schließlich sind auch noch die Anfangsworte der Gebete „Pater Noster" und „Ave Maria" nebst „Amen" zu erwähnen.

Wenige Bürger konnten lesen und schreiben, dies versinnbildlichen auch viele Münzen!

Die außerordentliche Häufigkeit der kirchlichen Aufschriften mag die Tatsache erklären helfen, dass Schriftkenntnis bei den Laien sehr selten vorhanden war. Sagt doch sogar der tiefsinnigste Dichter des Mittelalters, Wolfram von Eschenbach, von sich: „Swaz an den buochen stet beschriben, des bin ich kundelos gebliben". Der Eisenschneider wird daher nur zu oft auf die Hilfe eines Geistlichen angewiesen gewesen sein, um eine angemessene Aufschrift seines Pfennigs zu erhalten und was lag da näher als ein Schriftwort oder ein frommer Spruch?

Daher werden diese Aufschriften, je später wir ins Mittelalter hineinkommen, umso häufiger und mannigfaltiger. Meist sind es Bibelsprüche und Stücke eines Rituals, doch kommen auch frei erfundene Anrufungen und Lobpreisungen vor. Sehr altertümlich und beinahe wie eine Übersetzung orientalischer Legenden mutet uns die Aufschrift eines Ulmer Schillings von 1423 an: „Facta est moneta nova ista in Christi nomine. Amen." Solche Sprüche verschwinden auch nicht in den evangelischen Staaten und Städten, dienen vielmehr dort oft geradezu als Bekenntnis: „Justus ex fide vivit" und „Verbum domini manet in aeternum" sind für diesen Zweck besonders beliebt und verbreitet. Die Wiedertäufer, denen ihr Glaube die Bilder der Heiligen und die Abzeichen staatlicher Hoheit unbeliebt machte, haben ihren in Münster geprägten Taler gänzlich und ausschließlich nur mit Schrift versehen. Bei der Betrachtung dieser „biblia in nummis" merkt man noch jetzt deutlich, wie die Hofprediger und Beichtväter ihre Belesenheit und ihren Geist angestrengt haben, um eine passende und packende Inschrift zu finden. Denn als die Kunst des Lesens allgemeiner wurde und somit das Interesse an den Münzen wuchs, da achtete man recht genau auf diese Sprüche, freute sich gelungener Anzüglichkeiten und spottete über eine unglückliche Wahl. Noch heute bewundern wir die Anmut, mit der Bischof David von Utrecht (1457-1496) in Gepräge und Aufschrift seiner Goldgulden seinen alttestamentlichen Namensvetter vorschiebt, um sich selbst der göttlichen Gnade zu empfehlen. Dies war ein Spiel, das ein Schautaler auf die Vermählung Maximilians mit Maria von Burgund mit dem Verse des Hohen-Liedes (4, 7): „Du bist allerdings schön, meine Freundin" glücklich wiederholt, da dieser Vers wie das Lied selbst von der Kirche bekanntlich auf die himmlische Namensschwester der Fürstin gedeutet wird. Eine feine Anspielung liegt auch in der aus Ev. Luc. (4, 30.) entnommenen Aufschrift englischer Goldstücke: „Jesus autem transiens per medium eorum ibat", die auf die, gleich dem Heiland, unversehrt durch die Scharen der Feinde dahinziehenden Flotten Englands deutet. Geradezu lächerlich aber machte sich der ganz und gar friedliche Herzog Friedrich Wilhelm von Teschen, der 1623 auf seinen Taler ausgerechnet einen so kämpferischen Spruch setzte, wie: „In deo meo transgrediar muros" (Psalm 18, 30.) Erinnert man sich gar der „frommen" Münzen der wilden Wikinger so erkennt man, dass auch in der Münzkunde Gebete und Sprüche noch kein Beweis für das Naturell der Betroffenen sind. Es sind viel mehr Denkmäler des Zeitgeschmacks und als solche gewiss nicht zu verachtende „Beiträge zur Belustigung des Verstandes und Witzes".