Schweiz: Vietnamesisches Gold auf Abwegen

Gold aus dem Vietnam für die SchweizGold hat einen vorzüglichen Ruf. Es gilt als krisensicher, ist neben Betongold ein Wert zum Anfassen und lässt sich – in Form von Barren – bequem von A nach B transportieren. Gerade in Zeiten der Krise, wie sie die Welt in den vergangenen beiden Jahren erlebt, ist das Edelmetall Gold gefragt.

Kein Wunder also, dass nicht nur Erz zu Geld gemacht wird. Auch Altgold, welches in Form von Schmuckstücken, Kerzenständern usw. bereits seinen Zweck erfüllt hat, wird aufgekauft und verarbeitet. Was sich allerdings 2010 zwischen der Schweiz und Vietnam abgespielt hat, verblüfft sogar Experten.

Tonnenweise Goldornamente eingeschmolzen

Medienberichten zufolge sollen aus Vietnam allein im vergangenen Jahr 60 Tonnen Goldornamente ihren Weg in die Schweiz gefunden haben. Analysten bezeichneten die Auswirkungen, die das Ganze auf die Handelsbilanz hatte, sogar als Sondereffekt „Vietnam“. Denn im Vergleich zum Vergleichszeitraum stieg das Volumen der Importe zu den Eidgenossen um 560 Millionen Schweizer Franken. Anders ausgedrückt: Lag die Import-Quote für Goldornamente aus Vietnam 2009 „nur“ bei 53 Tonnen, stieg im Jahresverlauf das Volumen um mehr als zehn Prozent. Und machte 2010 zum Rekordjahr für Goldornamente.

Woher stammt das Gold aus Vietnam?

Verblüffende Zahlen, wenn man bedenkt, dass Vietnam nach wie vor zu den Schwellenländern und autoritär geführten sozialistischen Staaten gehört. Landeskenner sehen als Grund für die massiven Werte in den Schubladen der Vietnamesen deren besonderes Verhältnis zum Gold an. Während hierzulande Gold eher als Schmuckstück, maximal noch als krisensichere Anlage gilt, ist in Vietnam Gold so etwas wie eine zweite Währung.

Größere Geschäfte werden immer noch mit dem Edelmetall abgewickelt. Gold gehört also scheinbar zum Leben in Vietnam, ist wichtiges Geschenk auf Hochzeiten und Familienschatz. Schätzungen gehen soweit, auf 86 Millionen Einwohner rund 400 Tonnen Gold zu verteilen. Dass soviel davon den Weg in die Schweiz gefunden hat, hängt mit mehreren Faktoren zusammen. Auf der einen Seite ist der Weltmarktpreis in den letzten 12 Monaten erheblich gestiegen und hat immer neue Rekordniveaus erreicht. Auf der anderen Seite ist lange der nationale Goldpreis dieser Entwicklung hinterhergehinkt. Gold im eigenen Land zu handeln, lohnte sich schlichtweg einfach nicht. Eine dritte Ursache: Vietnams Wirtschaft kränkt seit einiger Zeit dahin. Die Ausfuhr von Gold zum Einschmelzen schien der Regierung als probates Mittel, die Bilanz zumindest ansatzweise in Ordnung zu bringen.

Weg des Goldes weitgehend unbekannt

Wo wird das Gold, ausgeführt in Form der Goldornamente, am Ende aber eingeschmolzen. Eine Frage, die sich so nicht beantworten lässt. Einerseits ist die Branche recht verschwiegen. Und mit Außenstehenden redet kaum ein Betreiber der großen Schweizer Raffinerien. Andererseits sieht man Gold, gegossen oder gestanzt in Barren, die Herkunft nicht an. Selbst chemisch ließe sich bei einer Vermischung mehrerer Lagerstätten über die Isotopengeochemie kein Ursprung mehr nachweisen.

Wird man 2011 weiter auf einen Ausverkauf vietnamesischen Goldes setzen können? Wohl kaum, denn das Vertrauen der Vietnamesen in die eigene Währung sinkt, die Liebe für die glänzende Zweitwährung steigt. Und damit auch der Preis für Gold, das Vietnamesen jetzt wieder in der guten Stube liegen haben. Statt Gold zu exportieren, ist Vietnam zum Importeur geworden.