Die Kipper und Wipper

Einen Höhepunkt erreicht es einmal wieder in der Periode der sogenannten Kipper und Wipper, der Leute, die die schweren und wertvollen Stücke aus-„kippten" und von der Wage „wippten", um sie einzuschmelzen und immer elenderes Geld daraus zu prägen. War dies bisher überwiegend heimlich und auf unrechtmäßiger Weise geschehen, so fing man um 1618 an, es völlig unbeeindruckt und öffentlich zu treiben und glaubte noch dazu ein Werk im Sinne des Volkes zu tun, wenn man den guten alten Taler fünf-, sechs- oder noch häufiger in „neuer Münze" oder „Usualgeld", wie man sie schönfärberisch hieß, bezahlte. Diese neue Münze wurde, als an ihrem Silbergehalt nichts mehr zu verringern war, in Kupfer geprägt, den man durch Sieden in Silber etwas Farbe gab, bis man auch diese umständliche Manipulation wegließ und einfach Kupfergeld schlug, das überhaupt erst seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, nur in ganz vereinzelten Fällen und in sehr geringem Umfang als Münz-Grundstoff gedient hatte. „Da wurden", sagt ein Chronist, die „Blasen, Kessel, Röhren, Rinnen und, was sonst von Kupfer war, ausgehoben, in die Münzen getragen und zu Gelde gemacht . . . Wo eine Kirche ein altes kupfernes Taufbecken hatte, das musste fort zur Münze und half ihm keine Heiligkeit; es verkauften's, die darin getauft waren." Leider waren es die Braunschweiger Herzöge, die diesen Weg als erste beschritten, bald folgten ihnen ganz Ober- und Niedersachsen, Rheinland, der Süden, auch Schlesien, Böhmen und Österreich. Es ist ein überaus interessanter Beitrag zur Geschichte der Suggestion im Völkerleben, wie die Vorstellung, man könne durch schlechtes Geld reich werden, mit Sturmes Eile und Gewalt ganz Deutschland, die Regierenden wie die Regierten, ergriff. Das Geldfieber grassierte noch heftiger, noch allgemeiner als das Goldfieber und der Aktienschwindel unserer Tage. „Die Ärzte verlassen ihre Kranken", heißt es in einer Streitschrift aus dieser besonders turbulenten Zeit, „und denken viel mehr an den Wucher als an Hippokrates und Galenus, die Juristen vergessen ihre Akten und hängen ihre Praxis an die Wand, nehmen die Wucherei zur Hand und lassen über Bartholus und Baldus lesen, wer da will. Dasselbe tun auch andere Gelehrte, studieren mehr Arithmetik als Rhetorik und Philosophie die Kaufleute, Krämer und Handelsleute treiben jetziger Zeit ihr größtes Gewerbe mit der kurzen Ware, die mit dem Münzstempel bezeichnet ist". Selig war in dieser Zeit die Stadt, die irgend ein altes Münzprivileg besaß. Egal welchen Inhalts, es wurde aus dem Staub des Archivs geholt und gab den Rechtsgrund für eine Kippermünzung. Aber es ging auch ohne jegliches Münzrecht.

Im 16. Jahrhundert werden auch Münzen ohne Münzrecht geprägt!

Die bloße Tatsache, dass früher einmal an einem Orte gemünzt worden war, reichte aus um jetzt wieder den Münzhammer in Tätigkeit zu setzen, sogar das Erbarmen mit „dem lieben Armut" oder die notwendige Kündigung der „Soldateska" reichte aus, ungeheure Mengen Kupfergeld schlagen zu lassen. Mit der Möglichkeit, auf billige Weise zu Geld zu kommen, riss auch allerlei Nachlässigkeit ein. Der Wirtshausbesuch nahm ebenso zu, wie das leichtsinnige Schuldenmachen und die Bauern prahlten, sie wollten ihre Häuser mit Geld decken lassen.

Der erwartete Streit blieb natürlich nicht aus. Zuerst gerieten diejenigen in Not, die, auf feste Besoldung angewiesen, an der Bewertung der neuen Münzen keinen Vorteil hatten und wo sie früher einen guten, harten Taler erhielten, sich jetzt mit einer Handvoll Kupferstücke begnügen mussten. Dann kamen die Kapitalisten dran, denen die in gutem Gelde gegebenen Darlehene in schlechtem zurückgezahlt wurden. Auch die Obrigkeiten erhielten in den Steuern nichts als Usual-Münze. Nun erwachte das Misstrauen und zerstörte ebenso rasch, wie er gekommen war, den Heiligenschein des neuen Geldes. Gleichermaßen maßlos wie zuvor die Gewinnsucht, erwies sich jetzt der Abscheu vor dem einst so heiß begehrten Gut. Handel und Wandel stockten, die Bäcker wollten nicht mehr backen, die Fleischer nicht mehr schlachten, das Volk tobte im Aufruhr und verschwor sich gegen alle Münzer, Wechsler zu erwürgen, alles ging drunter und drüber.

Es ist hier nicht der Ort, näher auszuführen, wie das entsetzliche Elend dieser Verhältnisse von den Obrigkeiten mit mehr oder minder gewaltsamen und unzulänglichen Mitteln bekämpft wurde, um bald darauf von noch entsetzlicherem Elend, der ungeheuren Blutwoge des dreißigjährigen Krieges, überspült zu werden. Eine Pause der Ruhe, vielleicht der Erschöpfung, war keine Beseitigung, aus den lebendig gebliebenen Wurzeln wuchs die alte Not schon nach 3 Jahrzehnten aufs neue empor.

Mächtige Herren nutzen die Münze, um sich zu bereichern!

Um 1660 kehren die Erscheinungen der Kipperzeit in getreuer Wiederholung und mit denselben Schlagworten wieder. Erneut wird Deutschland zum Tummelplatz wüster Spekulation, zur Schaubühne einer noch heute empörenden Komödie, worin die Reichsgewalt in ihrer Ohnmacht und eigenen Skrupellosigkeit die übelste Rolle hat und „Staaten", wie die Städte Lindau, Überlingen, Buchhorn, Isny und Ravensburg unter dem Schutz der elendsten Eifersüchteleien ihrer Kreisgenossen, Jahrzehnte lang Falschmünzerei treiben. Alle wollen sie an der Münze gewinnen, der Kaiser ebenso wie der kleinste Landesherr, Münzmeister und Wardein, Pächter und Lieferant. Selbst der um die Beschwerung des Handels klagende, mit Auswanderung drohende Kaufmann, versucht zumindest bei der Abschiebung des schlechten Geldes seinen Schnitt zu machen. Die Vereinigungen einiger angesehenen Fürsten bleiben erfolglos, da der Kaiser sich fern hält, die kleinen Münzstätten nicht abgetan werden und in die Scheidemünze keine Ordnung zu bringen ist. Bei seinem Regierungsantritt verschwört sich, wie er selbst sagt, Friedrich Wilhelm I. von Preußen, keine Scheidemünze mehr prägen zu lassen und wiederholt diese Versicherung noch mehrfach in feierlicher Form. Im Jahr 1730 muss er sich dann doch dazu durchringen. Sein großer Sohn sah sein eigenstes Werk, die Münzreform von 1750, an derselben Klippe scheitern, ein Jahrzehnt später aber leerte er dann selbst wieder die Büchse der Pandora der Geldverschlechterung über Deutschland aus, um durch die Künste eines Ephraim die Mittel zum Widerstand gegen Europa zu gewinnen. So erbte sich das Münzelend (anders kann man es wirklich nicht nennen) in Deutschland von Generation zu Generation, wie eine ewige Krankheit fort. Eine (allerdings nur schwache) Vorstellung davon kann sich derjenige machen, der vor Einführung der Reichswährung in Süddeutschland, insbesondere in Bayern, gewesen ist. Wie da Geldstücke aus den verschiedensten Jahrhunderten und Reichen umliefen, zu einer vom Verkehr selbst gesetzten Steuer überall herausgegeben und angenommen, auch wenn sie bis zur Unkenntlichkeit abgewetzt waren. So ungefähr, nur noch viel umfangreicher, sah es damals überall in Deutschland aus. Auch in Hamburg konnte man zur gleichen Zeit dieselben Wahrnehmungen machen. Mit ästhetischem und physischem Ekel denkt man an die, mit einer dicken Schmutzkruste bedeckten Schillings-Stücke, die dort neben preußischem, dänischem, schwedischem und anderem Geld das Zahlungsmittel bildeten. Wie wenig wir vielleicht auch sonst geneigt sein mögen, unsere Zeit auf Kosten der Vergangenheit zu preisen, hier ist doch ein Fortschritt, eine würdigere Gestaltung festzustellen und, wenn die Gegner unserer Goldwährung über unser zu gutes Geld klagen und alles mögliche und unmögliche Unheil daraus herleiten (so tief werden wir wohl nicht mehr sinken) wie zur Zeit, da man selbst dem Wachtelruf den Text unterlegte: Kippdiwipp!