Die Entwickelung des griechischen Münzwesens

Wie bereits im § 5 erwähnt, hatten die ältesten griechischen Münzen keine Aufschrift und nur selten ist auf denselben der Prägeort durch den Anfangsbuchstaben des Stadtnamens angedeutet. Später wurden die Aufschriften vollständiger und neben dem Symbol beziehungsweise das Wappen des Landes oder des Prägeortes, welchem meist die Rückseite eingeräumt wurde, finden wir auf der Vorderseite der Münzen auch die Bilder der betreffenden Schutzgottheiten, mal in ganzer Figur, mal nur die Köpfe derselben dargestellt. Schon bei diesen ältesten Münzen müssen wir oft die Schönheit des Stempelschnitts, die Lebendigkeit der Darstellungen und die Zierlichkeit der Ausführung bewundern. Den höchsten Grad der Vollkommenheit erreichte indessen die griechische Münzkunst in der Zeit von Perikles bis Alexander den Großen. Beispiele dieser Blütezeit sind insbesondere die Münzen von Aenus in Thracien, Acanthus und Amphipolis in Macedonien, Larissa in Thessalien, viele böotische Münzen, die Münzen von Theben, ferner die Münzen von Korinth, Sicyon, Elis, Pheneos und Stymphalus in Arcadien, einige von Kreta, besonders Phästus, ferner von Clazomenae und Magnesia in Kleinasien, von Rhodos und von Cyrene. Wir finden auf diesen Münzen eine Fülle der schönsten Typen, welche von dem vollendeten Geschmack und der hohen Entwickelung der Stempelschneidekunst der alten Griechen Zeugnis ablegen. Die Schönheit dieser Münzen ist umso mehr zu bewundern, als die Technik der Prägekunst eine verhältnismäßig unvollkommene blieb, denn wie uns der meist unregelmäßige Rand der Münzen, die in denselben mitunter vorkommenden Risse und die manchmal mehr oder minder unvollständigen Abdrücke des Stempels schließen lassen, muss das im § 5 beschriebene Verfahren beim Prägen im Wesentlichen auch später beibehalten worden sein.

Die Münzen des frühen Athens

Auffallender Weise bleiben die Münzen Athens, also gerade desjenigen griechischen Staates, welcher sich durch besondere Pflege der Kunst auszeichnete, in Bezug auf die Schönheit des Stempelschnitts hinter den Münzen anderer Staaten zum Teil zurück. Sie tragen bis auf einige altertümliche Münzen, welche aber nicht mit unbedingter Sicherheit dieser Stadt zugeteilt werden können, sondern vielleicht nach Euböa gehören, fast ohne Ausnahme auf der Vorderseite den Pallaskopf, auf der Rückseite die Eule und neben derselben einen Olivenzweig. Ein Teil dieser Münzen zeigt auf der Rückseite noch das quadratum incusum, der Kopf der Pallas (im Profil) ist steif und eckig, das Auge ist geschlitzt dargestellt, als ob man es von vorn sähe. Die Eule hat einen unförmig großen Kopf und handtellergroße Augen. Auf andern Münzen Athens ist das Pallas-Gesicht schön geschnitten. Dagegen sind der Helm und das Haar der Göttin sowie die Eule ganz im altertümlichen Stil behandelt, insbesondere ist auch die Schreibweise der Legende AOE unverändert beibehalten worden (ein Umstand, welcher dafür spricht, dass hier weniger Mangel an Kunstsinn, als die Absicht vorlag, das hergebrachte Ansehen des Geldes nicht zu ändern). Denn das attische Tetradrachmen bildete im Verein mit dem Drachmen von Korinth und seiner Tochterstädte und Kolonien, wenigstens in der älteren Zeit, die große Masse des Silbergeldes in Griechenland. Die späteren Münzen Athens, aus der Zeit der gesunkenen Kunst, tragen zwar ebenfalls noch die herkömmlichen Typen und die Aufschrift AOE, doch treten derselben Monogramme und Magistratsnamen, sowie verschiedene Symbole und Beizeichen hinzu. Die Eule ist meist auf einer liegenden Amphora sitzend dargestellt.

Goldmünzen wurden im Peloponnes und in Hellas nur wenig geprägt. Auch die Kupferprägung reicht nur bis etwa 400 v. Chr. zurück. Vorher bediente man sich für den Kleinverkehr ausschließlich der Silbermünzen, welche bis zu den kleinsten Nominalen geteilt wurden. Von Sparta geht bekanntermaßen die Sage, dass Lykurg, damit die Bürger nicht Schätze anhäufen, sondern in Einfachheit leben sollten, wertloses und außerhalb dieses Staates nicht gangbares Eisengeld eingeführt habe, von dem ein Betrag im Werte von zehn Silberminen schon eine ganze Wagenladung ausmachte. Diese Sage wird, da dergleichen Eisengeld nicht überliefert worden ist, vielfach bestritten und darauf zurückgeführt, dass die Spartaner als ältestes Tauschmittel sich eiserner Stäbe bedienten. Da jedoch einige sehr alte Eisenmünzen aus andern Teilen des Peloponnes, zum Beispiel eine solche von Argos mit dem Vorderteil eines Wolfes und dem Buchstaben A (Sammlung Prokesch-Osten) uns tatsächlich erhalten sind, so entbehrt jene Sage nicht einer gewissen Begründung. Später haben die Spartaner, ebenso wie alle andern griechischen Staaten, edle Metalle besessen und selbst Silbermünzen geprägt.

Die makedonischen Königsmünzen

Von besonderem Interesse sind ferner die makedonischen Königsmünzen, indem sie nicht nur durchgängig von großer Schönheit sind, sondern auch durch die auf denselben befindlichen Aufschriften die Kunstentwickelung durch Jahrhunderte genau verfolgen lassen. Die älteren der beschriebenen Münzen sind aus Silber und später auch aus Kupfer. Philipp II. (36o-336 v. Chr.) führte eine ausgedehnte Goldprägung ein, welche sich an die persische Goldwährung anlehnte. Sein Sohn Alexander der Große (336-323 v. Chr.) setzte die Goldprägung in noch größerem Maßstab fort und nahm für die Silberprägung den attischen Münzfuß an, welcher in Folge dessen die weiteste Verbreitung erhielt. Die Münzen Alexanders des Großen führen auf der Vorderseite einen mit dem Löwenfell bedeckten Herakles-Kopf, allerdings ohne den typischen Bart, in welchem man die idealisierten Züge des Genannten hat erkennen wollen. Auf der Rückseite ist der thronende Zeus dargestellt, auf der Rechten den Adler haltend und mit der Linken sich auf das Zepter stützend. Von den Nachfolgern Alexanders wurden diese Typen zunächst beibehalten, doch setzten sie bald ihre eigenen Bildnisse auf die Münzen, anfänglich mit der Königsbinde, einem einfachen Band, dessen Schleife am Hinterkopf herabhängt, später mit Götterattributen, wie Stier- oder Widderhörnern, Flügeln oder einem Strahlenkranz. Daneben tragen die Münzen in griechischer Schrift den Königsnamen, welchem später der Königstitel und endlich nach orientalischer Sitte auch häufig prunkende Beinamen und sonstige Titel hinzutreten. Zu den erwähnten Münzen gehören diejenigen der Könige von Syrien (der Seleuciden), von Thracien, Pontus, Bosporus, Pergamum, Cappadocien, Parthien (der Arsaciden), von Bactrien, Indien und Ägypten (der Ptolemäer, welche statt des allgemein üblichen attischen einen eigenen, abweichenden Münzfuß einführten). Im Übrigen ist bei den Münzen der Nachfolger Alexanders nicht nur ein allmähliches Sinken der Kunst des Stempelschnitts, sondern auch eine teilweise Verschlechterung des Gehalts zu bemerken.