Das Münzwesen der Karolinger

Die Merowinger widmeten dem Münzwesen nicht diejenige Sorgfalt, welche erforderlich war, um es zu einer fruchtbaren Entwickelung zu bringen. Es erklärt sich dies nicht nur aus den noch wenig konsolidierten politischen Zuständen, den fortwährenden blutigen Kriegen und inneren Unruhen unter ihrer Herrschaft, sondern auch aus dem Umstand, dass sie den Nutzen eines geordneten Münzwesens wohl nicht genügend zu würdigen verstanden. So legten sie namentlich, wenn auch die Aufsicht über das Münzwesen als ein Hoheitsrecht von ihnen nicht gerade aufgegeben wurde, doch der Ausübung dieses Rechts nicht den erforderlichen Wert bei, denn nicht allein, dass die äußeren Hoheitszeichen: Bild und Name des Königs, auf den Münzen allmählich verschwanden und durch den Namen des Münzmeisters und des Prägeortes ersetzt wurden, wissen wir auch, dass die Zahl der Prägestätten unter den Merowingern sich schließlich bis in die Hunderte vermehrte und dass in denselben das Münzrecht von weltlichen und geistlichen Herren, Gemeinden und Privatpersonen, sei es im Auftrage und mit Genehmigung des Königs, sei es ohne dieselbe und für eigene Rechnung der Beteiligten, ausgeübt wurde. Die dadurch entstehenden Wirren griffen, je mehr die Herrschaft der Merowinger sich ihrem Ende näherte, immer weiter um sich. Unter der kraftvollen Regierung Pipins, seit 752 König der Franken, welcher statt der Gold- die Silberwährung einführte, die Münzstätten auf eine geringe Zahl beschränkte und die Münzfälscher mit der üblichen Strafe des Abschlages der Hand bedrohte, änderten sich diese Verhältnisse.

Der Einfluss Karl des Großen auf das Münzwesen

Eine gründliche und nachhaltige Besserung derselben trat erst unter Karl dem Großen (768-814) ein. Die Geschichte lehrt uns, dass, sobald einem Volke ein Gesetzgeber erstand, derselbe auch stets die Wichtigkeit eines geordneten Münzwesens erkannte und letzterem seine Aufmerksamkeit widmete. So wurde in Athen durch Solon das Münzwesen geregelt, in Rom von Servius Tullius das Barrengeld eingeführt und unter den Decemvirn mit der Herstellung eigentlichen Geldes begonnen. Karl der Große, welcher, nachdem er seine Herrschaft vom Ebro bis zur Elbe und von den Küsten der Nordsee bis zu den Apenninen ausgedehnt hatte, mit gewaltiger Energie die Zentralisierung seiner Macht durchzusetzen wusste und durch weise Gesetze die gesamte Staatsverfassung ordnete, griff auch mit starker Hand in das Münzwesen ein. Er bestrafte die Münzfälscher streng, unterdrückte die nicht zu Recht bestehenden Münzstätten, verschaffte der eigenen, gesetzlichen Münze überall Geltung, nahm die Ausübung des Münzrechts, so weit er es nicht (was jedoch zweifelhaft ist) geistlichen oder weltlichen Großen ausdrücklich verlieh, für sich allein in Anspruch und übertrug die Beaufsichtigung der königlichen Münzstätten den Gaugrafen, welche wieder von seinen Sendboten kontrolliert wurden. Namentlich hatte Karl, in richtiger Erkenntnis, dass Unsicherheit im Münzwesen einen höchst ungünstigen Einfluss auf die sozialen und politischen Zustände ausübt, sein Streben unausgesetzt darauf gerichtet, dass in seinem Reiche nur gute und vollwertige Münze im Umlauf war. Auch die Nachfolger Karls verwalteten das Münzwesen in seinem Sinne, wurden indessen, wie noch vorhandene Urkunden beweisen, wiederholt zu scharfen Maßnahmen gezwungen, um unberechtigten Eingriffen in das Münzregal zu steuern. Die wichtigste Regierungshandlung Karls des Großen auf dem Gebiet des Münzwesens war die Einführung eines einheitlichen, allgemein gültigen Münzsystems. Dasselbe beruhte auf der Silberwährung, der Münzfuß auf dem von Karl ebenfalls neu eingeführten Gewichtssystem. Letzteres ging aus dem bei den Franken üblichen römischen Pfund (327,45 Gramm) hervor und wurde ebenso wie dieses in 12 Unzen eingeteilt, doch wog das karolingische etwas mehr als das römische Pfund, nämlich 367,2 Gramm. Die Münzeinheit bildete also das Pfund reinen, oder wenigstens so reinen Silbers, wie man es bei dem damaligen Stand der Scheidekunst zu liefern vermochte und war, ebenso wie es bei der Einführung des ältesten römischen Kupfergeldes der Fall gewesen ist, identisch mit der Einheit und Einteilung des Gewichts, denn man rechnete, wie noch lange nachher, nach Pfunden (später auch Talente genannt) und Unzen. Aus dem Pfund wurden 240 Denare geschlagen, welche also ein Normalgewicht von 1,53 Gramm hatten. Eine Zwischenstufe bildete der Solidus oder Schilling zu 12 Denaren, doch war diese Münze nur eine Rechnungsmünze. Gold, welches zum Silber im Verhältnis von 1:12 oder etwas darüber stand, wurde von Karl dem Großen und seinen Nachfolgern nicht mehr vermünzt, denn die wenigen auf uns gekommenen Goldstücke der Karolinger haben mehr den Charakter von Schaustücken als eigentlichen Geldes.

Die Denare

Die Denare und deren Hälften, von den Schriftstellern „Obole“ genannt, blieben hiernach lange Zeit die einzigen deutschen Münzen. Auch wurde die Bezeichnung „Denar" noch lange Zeit beibehalten, daneben aber die später auf jedes Geldstück ausgedehnte Bezeichnung „Pfennig" für denselben gebräuchlich. Im Übrigen wurde, wie hier gleich vorgreifend bemerkt sein mag, seit dem zwölften Jahrhundert statt des Pfundes ein anderes Münzgewicht, und zwar speziell in Deutschland, gebräuchlich. Es war dies die Mark, so genannt von dem Zeichen, der Marke, welche man den Barren oder Gewichtsstücken aufdrückte, um einer Verringerung derselben vorzubeugen. Der Name „Pfennig“ wird mit der meisten Wahrscheinlichkeit von dem keltischen Wort „Pen“ (Kopf), abgeleitet, indem die Gallier den bei ihnen noch umlaufenden und beliebten römischen Denar nach dem auf demselben dargestellten Kopf der Roma oder auch des Kaisers in der Volkssprache Kopfstück „pennek“ (plur. pennein oder penneged) nannten und die Deutschen diesen Ausdruck adoptierten. „Schilling", obgleich mit dem lateinischen „solidus“ gleichbedeutend , ist keineswegs eine Korrumpierung des letzteren, sondern ein echt deutsches Wort, welches in den lateinisch geschriebenen deutschen Gesetzen und Urkunden nur mit solidus übersetzt wurde. Von den meisten Etymologen wird Schilling von (skiltr) „der Klang", (skillingr) „der Klingende", und damit im Zusammenhang von scillan, schallen, Schelle usw. abgeleitet. Es bedeutet also ein tönendes Metall. Grote (Münzstudien II, 850 ff.) führt die Entstehung des Wortes auf skilian, („ich habe getötet oder verwundet“), dann („ich bin bußpflichtig geworden, schulde“) usw. zurück und nimmt als naheliegend an, dass, da der einfache Strafsatz, wonach die verschiedenen Grade der Buße in den Volksrechten berechnet wurden, der Solidus war, nach jener Bedeutung von skillan in dem Wort „Schilling" die Bedeutung von „Strafsimpluin" zu sehen sei, eine andere Berücksichtigung verdienende Ableitung ist die von skilan, dem angelsächsischen skylan, („teilen, trennen“), wonach also „Schilling" ein Stück ungemünztes Metall, insofern es Teil eines großen Gewichtsquantums ist. Sprachlich begegnen uns die Schillinge schon in gotischen und angelsächsischen Urkunden des sechsten Jahrhunderts unter der Bezeichnung „skilligans“ beziehungsweise „scilling“.

Die Mark hatte 8 Unzen oder 6 Loth, war also ursprünglich 2/3 des karolingischen Pfundes und diente, ebenso wie das Loth, lange Zeit auch als Rechnungsmünze. Das Pfund wurde später auf 16 Unzen oder 32 Loth gleichgesetzt und die Mark entsprach daher nur noch der Hälfte dessen. Sie ist als kölnische Mark, mit einem Gewicht von 233,8 Gramm bis vor Kurzem das in Deutschland gangbarste Münzgewicht geblieben. Über den Unterschied zwischen Zähl- und Gewichtspfund, beziehungsweise Zähl- und Gewichtsmark.

Die ältesten Münzen Karls des Großen sind von ähnlichem Typus wie die seines Vaters Pipin und tragen auf der Vorderseite den königlichen Namen in zwei Zeilen, auf der Rückseite den Namen der Prägestätte oder auch nur die Buchstaben R.F. (Rex Francorum). Die Münzen der späteren Zeit führen auf der Vorderseite meist das Kreuz, welches seitdem für lange Zeit ein fast unerlässliches Bild der Mittelalter-Münzen wurde, und die Umschrift CARLVS REX FRANCORUM. Manche Münzen von Karl dem Großen tragen auch den Titel Imperator und sind daher jüngeren Ursprungs, als die mit der Bezeichnung „Rex“. Auf der Rückseite befindet sich gewöhnlich das kreuzförmige Monogramm Karls und der Name der Prägestätte. Daneben gibt es auch viele Varietäten und Abweichungen von den oben beschriebenen Typen, doch kommt das Bildnis Karls des Großen auf seinen Münzen äußerst selten vor. Wir finden dasselbe nur auf einigen wenigen Münzen der späteren Zeit und zwar stellt es ihn, in Übereinstimmung mit den wenigen von ihm erhaltenen Skulpturen, nicht, wie man sich den Kaiser gewöhnlich vorstellt, mit Vollbart, sondern mit einem Schnurrbart bekleidet dar. Die gedachten Münzen sind sorgfältig gearbeitet und nicht ohne künstlerischen Wert. Auch die übrigen Münzen Karls sind weit dünner und besser, ebenmäßiger geprägt, als die Münzen der Merowinger. Nach den uns bekannten Münzen Karls gab es Prägestätten in Bonn, Trier, Straßburg, Mainz, Maastricht, Duerstede, Tours, Mons und anderen Orten, in Italien in Lucca, Mailand, Pavia und Treviso. Von dem Nachfolger Karls des Großen, Ludwig dem Frommen (814-840) sind Münzen mit seinem Brustbild, dem Kreuz und verschiedenen, auf die Prägestätten bezüglichen Typen vorhanden. Auch kommt auf den Münzen desselben sehr häufig das Bild eines Tempels vor. Am gewöhnlichsten sind die Denare Ludwigs, welche auf der Vorderseite das Kreuz und die Umschrift HLVDOVVICVS IMP(erator), auf der Rückseite ein säulengeschmücktes Kirchengebäude mit der Umschrift XPISTIANA RELIGIO tragen, wobei XP in dem Worte Christiana als das griechische X und P zu lesen sind, welche Buchstaben das alte Monogramm Christi bildeten. Die Münzen Karls des Kahlen (840-877) sind von den späteren Münzen Karls des Großen oft schwer zu unterscheiden, da sie zum größten Teil sein Monogramm führen, doch können ihm diejenigen Münzen, auf welchen sich daneben noch neuere Typen vorfinden, mit Sicherheit beigelegt werden. Von den übrigen Karolingern besitzen wir nur verhältnismäßig wenig Münzen.