Kirchliche Reliquienbehälter

Noch reichere Ausbildung nach derselben Richtung in der Renaissance. Die Reliquienbehälter geben innerhalb der kirchlichen Kunst Gelegenheit zur höchsten Mannigfaltigkeit der Formen. Außer den erwähnten Kästen in Form eines Sarkophags oder einer Kapelle haben wir kleinere Kapseln, welche in Kirchen und Hauskapellen als Votivsteine aufgehängt oder auf der Reise mitgeführt wurden. Die Kapsel zeigt die typische Form einer runden, leicht gewölbten Büchse mit einer eingesetzten Kristallplatte in reich geschmücktem Rand und einer flachen Rückseite und einer gravierten Darstellung. Zwei Seiten einer jetzt durchschnittenen, ursprünglich ganz geschlossenen Kapsel, im Schatz zu Enger, mit den flach gearbeiteten Figuren aus Silber und in Kupfer. Ähnliche Stücke sind sehr zahlreich. In ungewöhnlicher Form die Monstranz von Donauwörth, als Stammbaum Maria gestaltet, mit der Wurzel Jesse als Stamm, 1517 von Kaiser Maximilian gestiftet, eines der zierlichsten Werke der Spätgotik.

Der Fuß einer Monstranz von Klosterneuburg, ursprünglich mit Schmelzen bedeckt, enthält jetzt nur noch die flachen Reliefs in Silber, von vollendeter Schönheit in der

Kelch in der Petrikirche zu Soest
Kelch in der Petrikirche zu Soest. Ende  XV Jahrh. 0,17 hoch

Einpassung der Figuren in die unregelmäßigen Felder.

Die Form des Kelches entwickelt sich ziemlich unabhängig von der übrigen Kunst aus dem Bedürfnisse des Kultus heraus. In der Gipssammlung eine gute Sammlung wichtiger, besonders frühmittelalterlicher Stücke, welche eine bessere Übersicht gestatten als die wenigen vorhandenen Originale. Der Kelch erscheint in frühchristlicher Zeit lediglich als das Trinkgefäß römischer Kultur. Im Schatz von S. Marco in Venedig befindet sich eine ganze Reihe antiker Stein- und Glasschalen verschiedener Form, kleidet. Christus und Maria sind vollendete Meisterwerke gotischer Figuren-Bildnerei. Über die Grenze von Kästen und Kapseln hinaus wird der Reliquienbehälter derart gestaltet, dass er seinen Inhalt durch seine Form kennzeichnet.

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Reliquienfigur des hl. Georg. Elbing.  XV Jahrh.  0,31 hoch

So die Büsten der Heiligen, welche Teile des Schädels enthalten, so wie die Büste Karls des Großen in Aachen, Reliquienarme mit Armknochen, der Fuß des heiligen Andreas in Trier. Wenn der Charakter des Gebeins nicht bestimmbar, so wird gelegentlich die ganze Figur des Heiligen in Edelmetall dargestellt. In dieselbe eingeschlossen und durch eine eingesetzte Kristallplatte sichtbar oder daneben in einer Kapsel die betreffende Reliquie. Ganze Reihen solcher Figuren enthielt der Domschatz zu Mainz. Die Figur des heiligen Georg als Drachentöter, in Silber getrieben ist eine vortreffliche Arbeit des 15. Jahrhunderts aus Elbing: Dort auch ein sehr ähnliches, nur etwas größeres Bildwerk noch im Besitz der Georgsbrüderschaft. Der heilige Georg, in die sehr genau durchgeführte Rüstung jener Zeit gekleidet, steht auf einem bewachsenen und umfriedeten Hügel, neben ihm die jetzt leere Reliquienkapsel. Den Sockel tragen drei kleine Figuren, wilde Männer. Die größte Mannigfaltigkeit erhalten die Reliquien durch Bezugnahme auf Attribute und Gebrauchsgeräte der Heiligen, die heiligen Schwerter, Lanzen, Ketten, die Mitra des heiligen Eligius in Prag 1375 als Heiligtum der dortigen Goldschmiedeinnung.

Lässt die Beschaffenheit der oft aus winzigen Partikeln bestehenden Reliquien keine bestimmte Formgebung zu, so fügt man sie .in ein monstranz-ähnliches Gerät, welches aber nicht gehoben zu werden braucht, also viel größer und schwerer sein darf als die Monstranz für die Hostie. Ein dreifacher Turmbau von fast einem Meter Höhe auf breitem Sockel in Aachen, ein Geschenk von Karl IV. um 1370, da selbst ein zweiter von nahezu gleicher Größe. Das Reliquienkreuz, eines der prächtigsten Stücke aus dem Kirchenschatz von Basel, 14. Jahrhundert, enthält in der Mitte hoch aufgerichtet das Kruzifix, an dem Stamm desselben zwei Seitenarme als Träger für die Figuren der Maria und des Johannes, frei daneben stehend zwei Engelsfiguren, welche die Kristallkapseln tragen. Der Stamm des Kreuzes erwächst aus einem mit gotischer Architektur reich verzierten Fuß.