Das Trinkgefäß wird zum Kunstwerk

Den reicheren künstlerischen Schmuck trägt das Trinkgerät. Zu diesem gehört zunächst ein weiter einfacher Wasserkessel (nicht im Kunstgewerbe-Museum), sodann als Hauptstück der Mischkessel. Dieser und die Minervaschale sind die beiden glänzenden Stücke von Silberarbeit, welche sich aus dem klassischen Altertum erhalten haben, und zeigen alle Eigentümlichkeiten derselben in vollendeter Weise. Der Kessel ist (ebenso wie die später zu erwähnenden Becher) in doppelter Wandung gearbeitet. Der äußere Mantel besteht aus einem Silberblech, das dünn genug ist, um sich der Treibarbeit leicht zu fügen; der innere Einsatz ist fest, ganz glatt, herausnehmbar und leicht zu reinigen, ohne dass der kostbare Mantel angegriffen wird. Derartige künstlerisch durchgeführte Hüllen alten Silbergerätes bildeten bei den Römern den Gegenstand eines Sammeleifers, welchem keine Ausartung unserer Kunstliebhaberei fern blieb. Der Mantel des Hildesheimer Mischkessels ist ein vollendetes Muster getriebener Arbeit. Das Ornament aus Ranken und Blattwerk setzt am Fuße mit zwei Paaren von Greifen voll an und schwingt sich licht nach oben, die Zierformen heben sich flach und weich aus dem Grunde hervor, den sie beleben, ohne seine Linie zu durchbrechen. Die eingestreuten Figuren, Wassertiere, auf welche kleine nackte Burschen Jagd machen, beziehen sich nicht auf den Wein, sondern lediglich auf das Wasser, welches die antike Sitte reichlich zusetzte. Der verlorene Fuß bestand wohl aus einem niedrigen Blattkranz. Zu dem Kessel gehören zwei Schöpfkellen mit kurzen, vorzüglich ausgebildeten Griffen, von denen die eine zum Anhängen an den Kesselrand eingerichtet ist. Die Trinkgeräte sind nicht, wie man erwarten sollte, in Sätzen von je drei vorhanden, sondern paarweise oder in einzelnen Stücken, vielleicht um sie als Schaugerät bequem anordnen zu können. Glatte Becher sind nur zwei größere vorhanden (wenn dies nicht Behälter für Säfte oder Süßigkeiten sind), ferner zweimal kräftige Schalen mit einem Kranz von Weinlaub in Niello, alle übrigen elf Becher und Schalen sind reich verziert. Die Form der meisten entspricht einem weiten Tassenkopf auf schlankem, niedrigem Fuß mit zwei Henkeln, die entweder als flache Griffe abstehen oder bügelförmig aus Rankenwerk gebildet sind. Die Becher haben sämtlich einen glatten Einsatz und einen in Treibarbeit ausgeführten Mantel. Der Schmuck auf dem Mantel ist durchgehend dem bacchischen Kults entlehnt, zunächst dem Weinbau, dann aber dem Theater, welches im Zusammenhang mit den Winzerfesten gleichfalls dem Bacchus geheiligt ist, über den Tierfellen und Thyrsusstäben der Bacchanten hängen tragische und komische Masken, vorwiegend die des Satyrspieles, ferner Laubgewinde und Stäbe, zwei Schalen sind lediglich mit einem überaus reichen Blattkelche, ein Becher mit grollen Lorbeerzweigen geschmückt. Das Relief an diesen Stücken ist zum Teil stark herausgearbeitet, wird aber dann durch den umschlagenden Rand beherrscht. Die Ziselierung des Silbers zeigt in der Ausführung der Einzelheiten und zugleich in der Unterordnung unter die Gesamtwirkung den höchsten Grad künstlerischer Vollendung, es ist dringend zu empfehlen, nach

Minervaschale des Hildesheimer Fundes

Minervaschale des Hildesheimer Fundes. 0,32 breit.

dieser Richtung hin es nicht mit der Betrachtung der Kopien bewenden zu lassen, sondern auf die Originale im Antiquarium zurückzugehen.

Von den Bechern in der Anordnung verschieden sind die vier flachen, größeren Trinkschalen des Schatzes. An ihnen ist der äußere Mantel glatt, das Schmuckwerk ist in das Innere verlegt. Zwei derselben, Gegenstücke, tragen in der Mitte das stark herausgearbeitete Brustbild je einer asiatischen Gottheit, eine dritte in ähnlicher Art das Brustbild des jugendlichen Herkules als Schlangenwürger. Das Hauptstück ist die Minervaschale in nahezu griechischer Form, flach auf niedrigem Fuß mit ganz dünnem Schaft: die Griffe sind waagerecht abstehend mit einem Ringe unter der Platte zum Durchstecken des Fingers. Die Außenwand ist in leicht getriebener Arbeit als Blattkelch gestaltet. Die innere, nicht ablösbare Wand ist aus einer besonderen Platte getrieben mit herrlichem Palmettenrand. Den Boden füllt eine besondere aufgelötete Platte, aus welcher das Bildwerk, mit solcher Geschicklichkeit heraus getrieben ist, dass einzelne Teile sich im Dreiviertelrelief frei abheben. Dargestellt ist in höchster Schönheit eine sitzende Göttin in der Erscheinung der Minerva, vielleicht die Dea Roma. An dieser Schale sind ebenso, wie an den übrigen Geräten des Schatzes, einzelne Teile vergoldet, an der Minerva ist der Grund Silber, die Gewänder und Waffen Gold, Gesicht und Arme wiederum Silber. Die erhaben gearbeitete Figur scheint der Bestimmung der Schale als Trinkgerät zu widersprechen und hat die Anschauung aufkommen lassen, dass sie lediglich Prunkgerät sei. Diese Gestaltung

Becher aus dem Funde Boscoreale
Becher aus dem Funde Boscoreale. 0,07 hoch.

bezeichnet aber im Gegenteil die höchste künstlerische Verfeinerung des Trinkgenusses. Wenn die Minervaschale mit dem durch Wasser hell gemachten südlichen Wein gefüllt ist, so leuchtet die flüssige rubinrote Masse auf den tiefen Stellen als vollere Schicht dunkel, auf den höheren wird sie entsprechend dünner und heller, und wenn der Trinker die Schale zum Munde neigt, so taucht der Kopf der Figur völlig hell aus der roten Flut und im Schwanken des Weines spielen die Lichter wie Edelsteine schimmernd auf dem silbernen und goldenen Bildwerk.