Barock, Rokoko und Neuzeit

Die Kunstübung der Barockperiode setzt sich nicht mit fester Grenze gegen die Spätrenaissance ab. Die überschwänglichen Formen, welche wir als „barock“ bezeichnen, die in Italien, in Michel Angelos Kunstweise wurzelnd, sich bereits um die Mitte des 16. Jahrhunderts melden, sind nach Deutschland erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts vorgedrungen und haben auch damals zunächst nur von der Architektur und der architektonischen Plastik und Malerei Besitz ergriffen, ohne die zähe Überlieferung des Kunsthandwerkes sofort zu überwinden. Eine Art von Scheide bildet der Dreißigjährige Krieg, welcher die Kunstübung zwar nicht völlig aufhören machte, aber sie doch vielfach unterbrach, und der vor allem den alten Bestand von Silber- und Goldgerät stark angriff, sodass nach Wiederkehr ruhiger Zustände aller Orten Neues geschaffen werden musste, dass sich nun leichter einer neuen Gestalt annahm. Sehr merkbar sind äußere Einflüsse, zunächst der Einfluss der Niederlande, wo man sich im 17. Jahrhundert das italienische Formen-Schema in der Architektur und dem Möbelwesen auf heimatliche Bedürfnisse zurecht gestutzt hatte und auch in der Gefäßbildnerei von der Tradition absah und sich handliche Grundformen von einfachen, nicht immer anmutigen, oft sogar schweren Umrissen schuf.

Das Ornament tritt in den Hintergrund

Barockvase. Ornamentstich von Giardini.Barockvase. Ornamentstich von Giardini. Rom 1714

Noch stärker als mit den Formen ist der Bruch mit dem Ornament der Renaissance. An die Stelle desselben treten willkürliche Bildungen, wie das erwähnte Knorpel-Ornament, Einflüsse von China, vor allem aber die Liebhaberei für die Blumen. Die Blumenzweige behalten in den Silberarbeiten jener Zeit noch die Führung der antiken Akanthusranke und ordnen Stängel und Laub in rhythmischer Folge ohne Berücksichtigung des natürlichen Wachstums aber die Blüten selber wachsen über das Ornamentale hinaus zu malerischer Erscheinung in üppiger Entfaltung ihrer bewegten Blätter. Ein glänzendes Beispiel für einen derartigen, ganz aus Blumen bestehenden Schmuck ist die Kassette im Louvre, aus dem Besitz der Königin Anna um 1650, ganz aus Gold gegossen und geschnitten, daher etwas spitz und scharfkantig. In der Silberarbeit werden die Blumen weich und rundlich aus dem Körper herausgeholt und sind in dieser Hinsicht wahre Musterstücke echter Treibarbeit. Das Figurenwerk enthält Nachklänge klassischer Tradition: Pompöse Darstellungen aus der antiken Geschichte sind beliebt, vornehme Figuren in zeitgenössischer Erscheinung noch selten. Sehr häufig dagegen rundliche Kinderfiguren in der Art des Rubens, genrehafte Szenen wie auf den gleichzeitigen niederländischen Bauernbildern und Handwerker in ihrem Betrieb. Als Träger der Silbergeräte neben den Tritonen und Nymphen erscheinen die Kinder, Buttenmänner mit ihren Kiepen, Köche mit Kesseln, Bettler mit Körben.

Frankreichs Herrschaft beginnt

Becher. Nürnberg um 1700Becher. Nürnberg um 1700. 0,13 hoch.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts beginnt die Herrschaft von Frankreich. Der Hof Ludwigs XIV. ist das Vorbild für die deutschen Höfe, welche jetzt den Vortritt vor dem verarmten Bürgertum nehmen. Von größtem Einfluss wird der Umstand, dass die leitenden Künstler von Paris wie der Architekt Le Pautre, († 1682) und Berain, († 1711) ihre ausgeführten Arbeiten und Entwürfe in Tausenden von Stichen veröffentlichen, welche in Augsburg nach gestochen und über ganz Deutschland verbreitet werden. Für Frankreich sind wir noch mehr als für Deutschland auf Abbildungen und literarische Quellen angewiesen. Das Bild, welches wir erhalten, ist ein sehr vollständiges. Die Verwendung von Gold zur Begründung eines Hausschatzes tritt zurück, statt dessen finden wir die massenhafte Aufhäufung von Silber, bereits im Nachlass-Inventar Mazarins 1661. In die große Staatsmanufaktur gewerblicher Künste, welche Ludwig XIV. in den alten Räumen der Gobelins einrichtete, wird auch die Gold- und Silberschmiedearbeit aufgenommen. Hervorragende Meister werden berufen: Claude de Villiers 1665 aus England, Loir aus Frankreich, Fucci aus Italien. Daneben bleiben die Werkstätten bevorzugter Meister im Louvre bestehen, wie Claude Ballin, († 1754) und Thomas Germain. Als der König 1667 die Manufaktur besucht, werden ihm als fertig vor gelegt: 24 Becken mit Kannen, 2 Wannen von 6 Fuß Länge, 24 Kübel für Orangenbäume, Vasen für die Balustraden der Gärten und noch vieles mehr. Auf dem kurz darauf gewirkten Wandteppich, der diesen Empfang darstellt, finden wir einen Teil der Prachtgefäße abgebildet. Die Formen dieser für monumentale Wirkungen in den weiten Räumen von Versailles berechneten Stücke erscheinen schwer, mehr für Bronze als für Silber erfunden. Die leichtere, mehr auf das Boudoir gerichtete Lebensführung der nächstfolgenden Periode, der Reence, knüpft an die zierlicheren Vorbilder an, welche Berain bereits gegeben hatte, und welche von Meissonnier, († 1750) in den übermütigen Stil des Rokoko übergeführt werden. In diesen Arbeiten, welche uns lediglich in den von Meissonnier selbst besorgten Veröffentlichungen überkommen sind, ist die Leistungsfähigkeit des Silbers zu leichtester Eleganz in gleichem Streben ausgebildet wie in dem phantastischen Turmwerk der spätgotischen Monstranzen. Der folgende Führer französischer Silberschmiedekunst, Pierre Germain, hat uns ebenfalls sein Lebenswerk in sorgsamer Publikation von 1747 hinterlassen. Gleichnamig, aber nicht mit ihm verwandt ist der Goldschmied von Louis XV., Thomas Germain, († 1748) und dessen Sohn Franvyis Thomas Germain. Von letzterem sind in Portugal und in Petersburg Arbeiten von 1761 erhalten, welche den großen Ruhm des Meisters allerdings vollauf bestätigen: Sie zeigen bewegte, aber doch zugleich ruhige Flächen mit sparsamen, aber kecken und künstlerisch vollendeten ornamentalen Zutaten.

Die Formen des Rokoko-Stils setzen sich durch

Die Rokokoformen, Stil Ludwigs XV., werden ebenso wie die früheren französischen Erfindungen nach Deutschland übertragen, hier aber weit krauser, willkürlicher und schwerer behandelt und länger beibehalten als in Frankreich. In Italien kommt man mit dem Rokoko noch weniger zurecht und überladet es, wenn man es anzuwenden sucht. Die Umkehr zu reineren Formen unter Ludwig XVI., welche in Frankreich am Hofe bereits um 1755, in weiteren. Kreisen bald nach 1760 beginnt, macht sich in Deutschland vor 1780 kaum bemerkbar. Die antike Formenwelt wird, wie einst im Beginn der Renaissance, zum Vorbild erklärt, sie ergibt durch die Funde von Pompeji weit reichere Motive für eigentliche Gefäße als im 15. Jahrhundert. Die streng klassischen Formen des Empirestiles im Ausleben dieser Entwickelung fanden Deutschland durch Kriegsnöte zu sehr zerrüttet, dass es ernstlich in die Arbeit hätte eintreten können. Von der Arbeit des 17. Jahrhunderts ist uns hinreichend viel erhalten, um uns ihr Bild darzustellen. Dagegen ist das Silbergerät des 18. Jahrhunderts, vor allem das Silbergerät des Rokoko in den öffentlichen Sammlungen, sehr selten. Als die französische Revolution und die darauf folgenden Kriegsnöte einbrachen, waren die Formen des Rokoko als die zunächst überwundenen am wenigsten geschätzt, und so wurde allerorten zunächst das Silberzeug dieser Periode geopfert. Das Silber, welches Ludwig XIV. in unendlichen Mengen anschaffen ließ, ist von ihm selbst wenige Jahre später eingeschmolzen. Zentnerschwer ist das Silber und das ganze goldene Service aus dem Berliner Schloss am Ende des Jahrhunderts in die Münze gewandert.

Dagegen sind naturgemäß die Ornament-Stiche jener Zeit und auch Originalzeichnungen der Künstler in großer Menge vorhanden. Die ersteren besitzt die Ornamentstich-Sammlung des Museums in seltener Vollständigkeit, von den letzteren ist aus französischen Bibliotheken vieles veröffentlicht.