Beginn des Geldwesens bei den Germanen

Die erste sicheren Nachweise über die Germanen verdanken wir den Römern, insbesondere dem großen Geschichtsschreiber Tacitus. Die Berichte desselben über unser Vaterland lauten bekanntlich in mancher Beziehung sehr ungünstig. Er schildert Germanien nicht nur als ein wildes und unkultiviertes, sondern auch als ein armes Land. Gleichwohl fehlte es dort von Anfang an nicht an wertvollen Landesprodukten, unter welchen das Vieh und besonders Pferde die erste Stelle einnahmen. Dann gab es Wild, verschiedene Arten von Getreide, Salz und edle wie unedle Metalle, welche, wie die zahlreichen Grab-Funde lehren, zu Geräten, Waffen und Schmuckgegenständen verarbeitet wurden. Das berühmteste und im Altertum am meisten geschätzte Produkt Germaniens war indessen der Bernstein.

Nachdem die Römer den Rhein besetzt hatten, entwickelte sich zwischen diesen und den Germanen bald ein lebhafter Tauschhandel, bei welchem letztere vorzugsweise Vieh, Pelze, Tierhäute, Schinken, Gänse, Gänsefedern, sowie ihr eigenes blondes Haar und Sklaven boten, während sie allerlei geringfügige Ware, namentlich Schmucksachen, von den Römern dafür empfingen. Im inneren Verkehr waren das Vieh, in welchem der Hauptreichtum der Germanen bestand, sowie Waffen die Hauptwertmesser und es wurden daher zunächst die gerichtlichen Bußen, bald auch die Preise der Waren nach Rindern, Pferden und Waffen bestimmt. Später vertraten Hals- und Armringe, Ketten, Haarnadeln und andere Schmuckgegenstände aus edlem und unedlem Metall die Stelle des Geldes. Insbesondere wurden von den Königen und Häuptlingen an Barden, welche ihre Heldentaten besungen hatten, sowie an andere Männer, welche sie belohnen wollten, goldene Armringe verschenkt. Im Handel bezahlte man Gegenstände von größerem Wert mit ganzen Ringen, während man für den kleineren Verkehr die Ringe zerbrach oder zerschlug und die Stücke gleichsam als Scheidemünze verwandte. Tatsächlich werden auch solche absichtlich zerteilte Ringe, sowie andere zerbrochene Schmucksachen oft mit ganzen Stücken und selbst mit ausländischen Münzen zusammen gefunden.

Obgleich also die Germanen, wie bereits erwähnt und wie von Tacitus bestätigt wird, keine eigenen Münzen besaßen, so lernten sie doch, als sie mit den Römern in Berührung kamen, den Gebrauch des Geldes bald kennen und ließen sich ihre Produkte mit römischer Münze bezahlen. Nach dem genannten Geschichtsschreiber zogen sie dabei das Silber dem Golde vor, und unter den Silbermünzen waren es namentlich die republikanischen Denare mit gekerbtem Rande (serrati) — von den Deutschen „Sägen" (Saigae) genannt — sowie die Denare mit dem Zweigespann, welche bei ihnen beliebt waren, da sie wohl bemerkt haben mochten, dass die gedachten Münzen von weit besserem Gehalt waren, als die späteren Kaiserdenare. Tatsächlich kommen auch bei den in Deutschland gemachten Funden unter Römermünzen, welche einer weit späteren Zeit angehören, zahlreiche Denare der alten Gattungen vor. Die meisten und umfangreichsten Funde römischer Münzen werden selbstverständlich in denjenigen Teilen Deutschlands gemacht, in welchen die Römer feste Niederlassungen gegründet hatten, also am Rhein, in dem ehemaligen Dekumatland, in Bayern und Österreich, doch kommen auch im Norden und Osten Deutschlands nicht wenig solcher Münzen vor und liefern den Beweis, mit welcher Kühnheit die römischen Händler bis in die fernsten und unbekanntesten Gegenden vordrangen. Insbesondere führte, wie einst die Phönizier, so auch die Römer der Bernstein-Handel bis an die Küsten der Ostsee und es lässt sich an der Hand der Münzfunde sogar die Haupthandelsstraße der römischen Kaufleute, welche durch Schlesien, die Provinz Posen und Hinterpommern führte, ziemlich genau verfolgen. Selbst im Innern Russlands werden römische Münzen gefunden, doch scheinen dieselben, da sie teilweise gerendert und gehenkelt sind, dort als Schmuck gedient und nicht als wirkliches Geld kursierte. Dagegen entwickelte sich in den heute preußischen und russischen Ostseeprovinzen ein äußerst lebhafter Völker- und Handelsverkehr, welcher, auch nachdem die Römer vom Schauplatz abgetreten waren, noch lange fortdauerte , denn es werden in den gedachten Provinzen, wie hier gleich im Voraus bemerkt sein mag, nicht nur zahlreiche römische Münzen und selbst solche von altgriechischem Gepräge, sondern auch byzantinische, arabische, angelsächsische und andere Mittelalter-Münzen in großer Menge gefunden.