Das deutsche Münzwesen unter den sächsischen und fränkischen Kaisern

Eine in Deutschland eigentümliche Institution des Mittelalters, welche auf das gesamte Münzwesen, insbesondere auf die Gestaltung des Münzrechts einen bedeutenden Einfluss ausübte, war das Lehnswesen. Unter den Königen, beziehungsweise Kaisern standen, gewissermaßen als oberste Beamte derselben, die Herzöge, Markgrafen und Grafen, welche ihre Würden und die damit verbundenen Verpflichtungen anfänglich nur auf Widerruf oder auf Lebenszeit erhielten. Da die kaiserlichen Münzstätten im Lauf der Zeit dem Bedarf nicht mehr zu genügen vermochten oder zu entfernt waren, so übten diese Vasallen, ebenso wie andere Hoheitsrechte auch das Münzrecht kraft der, ihnen übertragenen Amtsgewalt aus. Als unter den fränkischen Kaisern die Lehne erblich wurden, änderte sich zwar dieses Verhältnis zu Gunsten der betreffenden Inhaber, doch gaben die Kaiser die Oberhoheit über das Münzwesen noch lange Zeit hindurch keineswegs auf, wie zum Beispiel daraus hervorgeht, dass noch im vierzehnten Jahrhundert das Recht, Goldmünzen zu prägen, den Kurfürsten durch die goldene Bulle vom Kaiser ausdrücklich verliehen wurde. Außer von den weltlichen Fürsten und Herren wurde auch von Bischöfen und Äbten schon frühzeitig das Münzrecht ausgeübt. Aus politischen Motiven, insbesondere um bei der immer mehr aufstrebenden Macht der weltlichen Größen sich auf die geistlichen Würdenträger stützen zu können, wurde letzteren von den Kaisern vielfach umfangreicher Landbesitz und unter andern wichtigen Privilegien auch das Münzrecht verliehen, oder es wurde ihnen, wo sie dasselbe, wie in den früher von den Römern besetzt gewesenen Teilen des südlichen Deutschlands, vielleicht schon von Alters her besaßen, von den Kaisern ausdrücklich bestätigt. Mit dem Münzrecht zusammen wurde meist auch das Markt- und das Zollrecht verliehen, wenigstens finden wir in den betreffenden Urkunden des Mittelalters die Worte „mercalus, teloneum et moneta“ stets zusammen aufgeführt. Es erklärt sich dies daraus, dass das Münzrecht als ein Ausfluss und Zubehör des Marktrechts betrachtet wurde, da man an Orten, wo zur Hebung des Handels und Verkehrs ein Markt eingerichtet wurde, auch der erforderlichen Münze bedurfte und deshalb genötigt war, eigens zu diesem Zweck eine Prägestätte einzurichten. Ferner war mit den Münzstätten damaliger Zeit häufig eine Art Wechselbank verbunden, indem der Münzmeister nicht nur für Rechnung seines Herrn prägte, sondern auch von dem Privatmann und von Kaufleuten Rohsilber oder fremdes Geld annahm und ausmünzte oder unter Anrechnung der Prägekosten und des Schlagschatzes gleich gegen vorrätige, kurs-habende Münzen umwechselte. Es wird daher unter „moneta“ vielfach nicht nur das Münz-, sondern auch das Wechselrecht verstanden. Die Kaiser selbst, welche zu damaliger Zeit noch keine festen Residenzen hatten, sondern ihren Aufenthalt immer wieder wechselten, übten, wie die zahlreichen Namen von Münzstätten auf den von ihnen geschlagenen Denaren beweisen, das Münzrecht aus, wo sie sich gerade befanden. Es erscheint diese Behauptung im ersten Augenblick gewagt, zumal wenn man bedenkt, dass der Aufenthalt der Kaiser in manchen Orten oft nur nach Wochen und Tagen zählte. Zieht man indessen in Betracht, dass die kunstlosen Stempel, dir man benötigte, sehr schnell hergestellt werden konnten, dass die ganze damalige Prägeweise eine äußerst einfache war und das erforderliche Metall von den Steuer-Erhebern geliefert wurde, so lässt sich diese Behauptung eher begreifen. Auch in Orten, wo sie das Münzrecht bereits vergeben hatten, scheinen die Kaiser sich das Recht vorbehalten zu haben, nach Bedarf ihre eigenen Münzen fort zuprägen, wenigstens besitzen wir von vielen Prägestätten kaiserliche und bischöfliche Münzen, welche ein und derselben Zeit angehören. Die Städte, beziehungsweise Stadtgemeinden waren unter den sächsischen und fränkischen Kaisern wenig entwickelt und noch nicht im Besitz des Münzrechts.

Das karolingische Münzsystem

Das karolingische Münzsystem wurde unter den sächsischen und fränkischen Kaisern unverändert beibehalten. Man leistete also Großzahlungen nach dem Gewicht der Metalle und bediente sich im Kleinverkehr der Denare (in geringerem Umfange auch der Obole), welche hiernach die einzigen Münzen der Periode bildeten, von welcher wir jetzt handeln. Die Denare wurden anfänglich in bisheriger Weise fort-geprägt, sollten also ein Normalgewicht von 1,53 Gramm haben. Tatsächlich ist indessen, und zwar ohne dass eine offizielle Herabsetzung des Münzfußes stattfand, ein allmähliches Sinken des Gewichts zu bemerken. Ebenso sollten die Denare stets von feinem Gehalt sein, doch war dies, da man noch nicht genügende Kenntnisse in der Scheidekunst besaß, nur selten der Fall. Auch die Größe und Dicke der Denare war sehr verschieden. Was das Gepräge anlangt, so schloss sich dasselbe in der ersten Zeit dem der voraufgegangenen karolingischen Periode an. Das Monogramm des königlichen Namens verschwand indessen sehr bald von den Münzen, während das Kirchengebäude Ludwigs des Frommen, jedoch in veränderter, einfacherer Form, sehr oft wiederkehrt. Am häufigsten begegnen wir auf den Münzen der in Rede stehenden Periode dem Kreuz, welches meist frei im Felde schwebend und gleichschenkelig dargestellt ist. Zwischen den Schenkeln des Kreuzes befinden sich häufig Punkte oder Ringe, ferner kleine Kreuzchen, Lilien, Sterne und sonstige Verzierungen. Manchmal sind auch die Winkel des Kreuzes mit auf die Prägestätte bezüglichen Zeichen oder, wie insbesondere bei den Denaren der Ottonen, mit den Buchstaben des kaiserlichen Namens oder des Namens der Münzstätte oder eines zu dem Kreuz in Beziehung stehenden Wortes als CRVX, PAX usw. ausgefüllt. Die Köpfe oder Brustbilder von Münzherren und von Schutzheiligen erscheinen anfänglich nur sehr selten auf den Münzen, seit Heinrich II. (1002-1024) stattdessen häufiger. Die Bildnisse sind mal von vorn, mal im Profil dargestellt, haben aber, wie auch auf späteren Münzen des Mittelalters, mit vielleicht einigen wenigen Ausnahmen, nicht den geringsten Anspruch auf Portrait-Ähnlichkeit. Dies zeigt sich insbesondere auf den Münzen des Kaisers Friedrich I., auf welchen derselbe trotz des Bartes, welchem er den Beinamen Barbarossa verdankt, regelmäßig ganz bartlos dargestellt ist. Im Übrigen erscheinen die Kaiser gewöhnlich gekrönt, oft auch mit Zepter, Reichsapfel und andern Attributen ihrer Herrschaft versehen, während die Geistlichen anfangs mit bloßem Haupt, später mit der Mitra dargestellt sind und in der Regel den Krumm- oder Kreuzstab, oft auch das Evangelien-Buch in der Hand halten. Bildnisse der weltlichen Fürsten sind zu der genannten Zeit noch wenig zahlreich, dagegen wird der Gebrauch, die Bildnisse der Schutzheiligen auf die Münzen zu setzen, immer häufiger. Außer den erwähnten begegnen wir, abgesehen von den eine untergeordnete Rolle spielenden Beizeichen, nur selten andern bildlichen Darstellungen. Das Kreuz in seinen mannigfachen Formen, das Kirchengebäude und die Bildnisse der Münzherren und Schutzheiligen bilden also im Allgemeinen den charakteristischen Typus auf den Münzen der sächsischen und fränkischen Kaiserzeit.

Die Inschriften der karolingischen Münzen

Die Inschriften der Münzen bestehen aus lateinischen Buchstaben, gemischt mit einzelnen, von der gewöhnlichen Antiqua abweichenden Zeichen; insbesondere kommen E statt A, beziehungsweise nur das, E häufig vor. Auf der einen Seite ist gewöhnlich der Münzherr und, wenn er ein weltlicher oder geistlicher Fürst ist, oft auch der Kaiser, auf der andern die Prägestätte genannt. Doch ist letztere häufig auch nur durch den Namen des betreffenden Schutzheiligen angedeutet. Dem Namen des Kaisers sind in der Regel der Titel „Rex“ oder „Imperalor“ (abgekürzt IMP oder IMPER) , manchmal auch die Worte DI GRA oder GRA DI (Dci gratia) beigefügt. Man kann daher aus dem Titel gelegentlich auf das Alter der Münzen schließen, da der deutsche König bekanntermaßen erst nach der Krönung in Rom den Kaisertitel führte. Die Namen der Münzherren sind durchgängig latinisiert. Auffallend ist die bei den Otto-Münzen häufig vorkommende Schreibweise des Namens ODDO statt OTTO, welche aus der Lage der Prägestätte beziehungsweise dem dort herrschenden Sprachgebrauch hergeleitet werden kann. Es ist daher anzunehmen, dass diejenigen Münzen, welche den Namen ODDO führen, vorzugsweise aus westfälischen und sächsischen Prägestätten hervorgegangen sind. Die Aufschriften umgeben in den meisten Fällen auf beiden Seiten das Münzbild und sind von letzterem in der Regel durch einen glatten oder Perlenkreis getrennt. Oft ist aber auch der Name der Münzstätte mitten in das Feld gesetzt, wie dies besonders bei den zahlreichen in Köln geprägten Denaren der Fall ist, auf welchen das Feld der Rückseite dergestalt ausgefüllt ist, dass das durchgestrichene S (für ,Sancta) über und das Schluss-A unter dem Hauptteil des Namens COLONI steht (ein Gebrauch, der an andern Orten vielfach nachgeahmt wurde). Die Beisetzung des Sancta beruht auf der bekannten Sitte vieler Städte, sich ehrende Epitheta beizulegen. Sonst werden die Städte auf den Münzen bald mit ihrem bloßen Namen genannt, dann wurde „civitas“ oder auch „urbs“ hinzugefügt.

Die Denare waren über einen langen Zeitraum sehr schmucklos

Im Übrigen sind die deutschen Denare des zehnten und elften Jahrhunderts mit wenigen Ausnahmen von rohem und kunstlosem Stempelschnitt und sehr mangelhafter Prägung. Es erklärt sich dies aus der Ungeschicklichkeit der Stempelschneider, dem Mangel an Geschmack, der Unvollkommenheit der Prägeweise und wohl auch aus der großen Eile und Sorglosigkeit, mit der die Münzprägung oft erfolgte. Besondere Schwierigkeiten verursachen dabei die Schrötlinge, welche man aus den Zainen meist durch Abschneiden mit der Schere oder durch Abkneifen und Ausreißen mit der Zange herstellte. Die Form der Münzen ist daher, wenn man auch die Schrötlinge nachträglich noch mit dem Hammer oder mit andern Werkzeugen bearbeitete, oft eine sehr unregelmäßige, in einzelnen Fällen fast eine viereckige. Auch die Münzen der übrigen europäischen Länder des zehnten und elften Jahrhunderts, mit Ausnahme vielleicht der Münzen der Araber in Spanien und der Byzantiner, sind wenig oder gar nicht besser, als die gleichzeitigen deutschen Münzen. Von Letzteren gibt es trotz der Einfachheit der Typen eine große Menge Verschiedenheiten, denn abgesehen davon, dass die in Rede stehende Periode einen etwa zweihundertjährigen, also ziemlich langen Zeitraum umfasst, dass ferner die Zahl der Münzherren und der Prägestätten eine sehr erhebliche war, dass der Bedarf an Stempeln, deren Vervielfältigung auf mechanischem Wege erst eine Erfindung der Neuzeit ist, außerordentlich groß gewesen sein muss und dass daher ein Stempel nie genau wie der andere ausfallen konnte, legte man auch staatlicherseits dem Münzgepräge im Mittelalter noch keinen Wert bei, sondern überließ die Feststellung der Typen der Willkür der Stempelschneider. Letztere ließen nun bei der Arbeit bald ihre eigene Fantasie walten, bald ahmten sie die Typen älterer landesherrlicher Münzen nach. Diese Nachahmungen wurden aber in der Regel immer schlechter, als die Originale, insbesondere wurden die Aufschriften von unwissenden und der Schrift unkundigen Stempelschneidern gedankenlos nachgebildet und oft so fehlerhaft geschnitten, dass sie kaum zu entziffern sind. Auf diese Weise ist es auch zu erklären, dass auf manchen Münzen die Aufschrift rückläufig, das ist von rechts nach links zu lesen, dargestellt ist, dass, wenn man mangelhaft geprägte oder durch den Gebrauch abgeschliffene oder bereits fehlerhaft nachgeahmte Münzen wieder als Muster verwendete, neue Fehler hinzukamen und dass schließlich bisweilen nur eine aus buchstaben-ähnlichen Zeichen bestehende und mit Strichen und Ringeln untermischte, ganz sinnlose Aufschrift (Pseudolegende) entstand. Dannenberg sagt von den in Rede stehenden Münzen, welche man Nachmünzen nennt: „Man brauchte in jener Zeit, ja selbst bis zur Erfindung des Absenkens der Münzstempel eine sehr große Anzahl Stempel, und da wird denn mancher ungeschickte Arbeiter mit herangezogen worden sein, ganz abgesehen davon, dass Lesen und Schreiben ein Vorrecht Weniger war, in einer Zeit, wo viele Herrscher, je besser sie das Schwert zu handhaben wussten, desto schlechter mit der Feder umzugehen verstanden, wo die Kaiser statt ihres Namens mit ihrem Monogramm unterzeichneten, wo selbst ein Karl der große diese damals seltene Kunst sich erst im Mannesalter aus eigenem Bildungsdrangs aneignete und einer der gefeierte Dichter (Wolfram von Eschenbach) sich als Analphabet bekannte. Man muss, wenn man sich dies Alles vergegenwärtigt, in der Tat, wie Grote mit Recht sagt, staunen, dass wir noch so viele korrekte Münzen aus dieser früheren Zeit besitzen." Das große Publikum legte auf eine lesbare Aufschrift natürlich am wenigsten Wert, da es der Schrift ganz unkundig war und die Münzen nur nach dem denselben aufgeprägten Bild unterschied. Sehr gut zu unterscheiden von den Nachmünzen sind solche Münzen, welche von den Stempelschneidern nach fremden Mustern, sei es wegen Mangels eigener Erfindungsgabe, sei es weil die betreffenden fremden Münzen sich besonderer Beliebtheit beim Publikum erfreuten, hergestellt wurden. Sehr zahlreich sind solche Nachahmungen des Kölner und später des Goslarischen Typus und in Remagen, Corvei, Fritzlar, Minden und Paderborn brachte man sogar eine Zeit lang das dreizeilige SANCTA COLONIA wörtlich auf die dort geprägten Denare. Die in den Funden am häufigsten vorkommenden Münzen der sächsischen Kaiserzeit sind die sogenannten Adelheidsdenare. Sie führen auf der Hauptseite ein Kreuz sowie den Namen und Titel des Königs Otto, auf der Rückseite das Kirchengebäude mit der Umschrift ATCAHLHT oder ähnlich und sind nach dem Ergebnis neuerer Forschungen Otto III. und seiner Großmutter, der berühmten Adelheid, Wittwe Otto's I., welche in der Zeit von 991-995 Vormund ihres Enkels war, beizulegen. Dass der Name Adelheid auf den in Rede stehenden Münzen meist so entstellt vorkommt, darf uns nach dem oben Gesagten um so weniger wundern, als er auch in den Urkunden auf die verschiedenste Weise geschrieben wird, zum. Beispiel Athelheidis, Adeleida, Adelas, Adelgid, Ethelgeid usw. Auch gibt es Münzen, auf welchen dieser Name ATALHEID und ATHALHET oder ATHALHET geschrieben, also nicht zweifelhaft ist. Da auf den Adelheidsdenaren der Name der Prägestätte nicht angegeben ist, so ist ihre Heimat nicht mit Sicherheit zu bestimmen, doch sind sie jedenfalls in Sachsen und zwar mutmaßlich zum Teil in Magdeburg geschlagen.

Die Wendenpfennige

Schließlich sei hier noch einer eigentümlichen Gattung von Münzen, der sogenannten Wendenpfennige genannt. Das Charakteristische an denselben ist der hohe Rand, mit welchem sie auf beiden Seiten versehen sind und die Pseudolegende, welche aus Strichen und Ringeln, untermischt mit wenigen Buchstaben und buchstaben-ähnlichen Zeichen besteht. Ihren Namen haben diese Münzen zu Unrecht, denn obwohl sie in den von den Wenden früher eingenommenen Landstrichen häufig gefunden werden, sind sie doch, wie Dannenberg annimmt, nicht in letzteren, sondern jedenfalls an der wendischen Grenze, zum Teil vielleicht in Magdeburg und Naumburg zur Zeit Ottos I. und Ottos II. für den Verkehr mit den slawischen Völkern geschlagen worden. Die ältesten Wendenpfennige sind ziemlich groß und tragen den karolingischen Tempel, zum Teil auch die erkennbare Aufschrift ODDO oder OTTO; dann folgen kleinere mit Nachahmungen anderer Typen. Die Prägung der Wendenpfennige beginnt nach Dannenberg etwa im Jahr 970 und endet 1070.