Die Münzprägung in Großgriechenland und Sizilien

In Unteritalien und Sizilien gelangten die griechischen Kolonien, begünstigt durch die Fruchtbarkeit des Bodens, das milde Klima und die für den Handel außerordentlich vorteilhafte Lage im Mittelpunkt des mittelländischen Meeres, schnell zu großer Blüte. Unter diesen günstigen Einflüssen nahm auch die Kultur und mit ihr die Münzkunst in den gedachten Kolonien bald einen hohen Aufschwung, manchmal noch höher als in den Stammländern. In Unteritalien war die Zahl der griechischen Pflanzenstädte so groß, dass die schutz- und zinspflichtigen Bewohner selbst des Binnenlandes die griechische Sprache annahmen und das ganze Land den Namen Großgriechen1and erhielt. Als die für die Numismatik wichtigsten der groß-griechischen Städte seien hier namentlich erwähnt: Heraclea, Hyele (Velia), Kroton, Metapont, Neapolis, Posidonia (lateinisch Pästum), Rhegium, Sybaris, Tarent (Taras) und Terina. Die ältesten Münzen von Kroton, Metapont, Posidonia, Sybaris und Tarent sind von einer ganz eigentümlichen Technik. Dieselben tragen nämlich, ebenso wie die ältesten Münzen des Mutterlandes, nur ein Münzbild, sind aber größer und dünner, als letztere und zeigen statt des quadratum incusum auf der Rückseite das Bild der Vorderseite in vertiefter Form. Diese Münzen sind indessen nicht, etwa wie die mittelalterlichen Brakteaten, mit einem Stempel geprägt, sondern es ist für die Rückseite ein besonderer, mit der Vorderseite im Allgemeinen übereinstimmender, aber erhaben geschnittener Stempel benutzt worden, was schon durch den Umstand bewiesen wird, dass die Rückseite von der Darstellung der Hauptseite häufig in Kleinigkeiten abweicht. Dergleichen Münzen sind beispielsweise diejenigen von Metapont, welche zur Bezeichnung des Kornreichtums eine Ähre und in altertümlichen Buchstaben meist die Aufschrift „META“, gelegentlich auch eine Heuschrecke neben der Ähre führen. Ferner diejenigen von Sybaris, auf welchen ein stehender, den Kopf wendender Stier dargestellt ist mit der Aufschrift YM (au) in altertümlicher Schreibart rückläufig. Manchmal enthält aber die Rückseite der in Rede stehenden Münzen auch vertiefte Bilder, welche von denjenigen der Hauptseite ganz abweichen, wie es zum Beispiel bei einer Münze von Kroton der Fall ist, welche auf der Vorderseite einen Dreifuß, auf der Rückseite, also in vertiefter Prägung, einen Adler trägt. Die Münzprägung in Großgriechenland reicht nachweisbar (vergleiche § 4) weiter als bis 58o v. Chr. zurück. Diese Sitte wurde indessen bald verlassen und die Münzen erhielten auf beiden Seiten erhabene Prägung. Schnell vervollkommnten sich auch der Geschmack und die Stempelschneidekunst, und wir finden auf den Münzen der verschiedenen Städte eine Fülle schönster und wechselnder Typen. Namentlich ist der Schnitt der Köpfe der auf den Münzen dargestellten Gottheiten von vortrefflicher Schönheit, die Ausführung der sonstigen Darstellungen von oft überraschender Zierlichkeit und Genialität. Besonders bemerkenswert sind die Münzen des durch seine Reitkünste berühmten Tarents, welche auf der einen Seite meist einen Reiter, auf der andern das Bild des auf einem Delphin sitzenden Taras (eines Heros) tragen. Auch die Münzen von Heraclea in Lucanien mit dem wunderbar schön ausgeführten Kopfe der Pallas auf der Vorderseite und dem mit dem Löwen kämpfenden Herakles auf der Rückseite. Die Münzen von Neapolis mit dem Kopf der Parthenope, auf der einen und dem Bild eines Stieres mit bärtigem Menschenantlitz auf der Rückseite, von Terina mit Darstellungen der Nike usw. Die groß-griechischen Münzen des altertümlichen Stils sind ausschließlich in Silber geprägt. Später treten Gold und Kupfer als Münzmetalle hinzu. Der Münzfuß war meist der attische; Tarent hatte indessen eine eigene, nach dieser Stadt benannte Währung.

Auch die sizilianischen Münzen entwickeln sich zu kleinen Kunstwerken

In Sizilien waren die wichtigsten griechischen Pflanzstätte Agrigent, Camarina, Gela, Naxus, Panormus, Selinus, Zancle, welches später den Namen Messana erhielt, und vor allen das durch seinen Reichtum und seine Macht hervorragende Syracus. Das vertiefte Quadrat kommt auf den ersten Münzen dieser Städte, obgleich sie alle Kennzeichen hohen Alters tragen, nur selten vor und ist dann flach und meist schon mit Typen versehen. Letztere wurden allmählich immer schöner und mannigfaltiger und die Stempelschneidekunst entwickelte sich hier ebenso wie in Großgriechenland zu einer solchen Blüte, dass ihre Produkte noch jetzt unübertroffen dastehen und unsern Künstlern als Vorbilder dienen können. Jedenfalls bleiben unsere heutigen, schablonenmäßig gearbeiteten Münzen, mögen sie auch mit größerer Technik geprägt und für den Gebrauch geeigneter sein, was die Schönheit der Darstellungen und des Stempelschnitts anlangt, hinter den Erzeugnissen der altgriechisch-sizilianischen Münzkunst weit zurück. Von ihnen sagte Goethe, als er auf seiner italienischen Reise in Palermo Gelegenheit hatte, eine reiche und schöne Sammlung griechischer Münzen zu besichtigen: „Aus diesen (die Münzen enthaltenden) Schubkästen lacht uns ein unendlicher Frühling von Blüten und Früchten der Kunst, eines im höheren Sinne geführten Lebensgewerbes und was nicht Alles noch mehr hervor. Der Glanz der sizilianischen Städte, jetzt verdunkelt, glänzt aus diesen geformten Metallen wieder frisch entgegen." Unter den sizilianischen Münzen des vollkommenen Stils nehmen anerkannter Massen diejenigen von Syracus, welches zahlreiche Tetradrachmen und auch Dekadrachmen, die größten Geldstücke des Altertums, prägte, die erste Stelle ein. Dieselben tragen zum Teil auf der Vorderseite den von Delphinen umgebenen Kopf der Persephone oder der Quellnymphe Arethusa , letzteren (eine bei den antiken Münzen verhältnismäßig selten vorkommende Erscheinung) auch von vorn dargestellt und auf der Rückseite meist ein Viergespann mit darüber schwebender Nike, welche den Wagenlenker bekränzt, sowie verschiedene Beizeichen. Von diesen wunderbar schön geschnittenen Köpfen sagt Winkelmann, der bekannte Kunsthistoriker: „Hätte nicht Raphael, der sich beklagte, zur Galatea keine würdige Schönheit in der Natur zu finden, die Bildung derselben von den syracusanischen Münzen nehmen können?"

Als eine besondere Abteilung der sizilianischen Münzen können diejenigen der syracusanischen Könige betrachtet werden, von welchen Agathocles (317-289 v. Chr.) zuerst seinen Namen auf die Münzen setzte. Auch die Münzen der Mamertiner, einer Söldnerschar, welche sich im Jahre 289 v. Chr. Messanas bemächtigte, sollen hier nicht unerwähnt bleiben. Die ältesten sizilianischen Münzen waren ausschließlich von Silber, später traten denselben solche von Gold und Kupfer hinzu, und zwar widmeten letzteren die Stempelschneider die gleiche Sorgfalt wie den Silbermünzen. Was die in Sizilien üblichen Währungen anlangt, so überwog der attische Fuß, unter den ayracusanischen Königen wurde auch nach ptolemäischem Fuß gemünzt.