Beginn der Münzprägung

Bekanntermaßen bestand in den Zeiten vor Erfindung des Geldes, der Handel in einfachen Tauschgeschäften entbehrlicher gegen andere nützliche oder notwendige Gegenstände und es war der Bedarf des einen oder andern dieser Gegenstände der gegenseitige Wertmesser der Waren. Das Bedürfnis, den Wert einer Sache nach gewissen feststehenden Gegenständen zu bestimmen, wird sich bei den zunehmenden Lebensbedürfnissen und bei der fortschreitenden Entwickelung der Kultur bald herausgestellt haben. Es darf angenommen werden, dass das älteste allgemein gebräuchliche Tauschmittel das Vieh gewesen ist, da in diesem meist der größte Reichtum der Völker bestand. Andere Mittel, den Wert einer Sache zu bestimmen, waren Sklaven, Felle, Eisen, Erzstücke und sonstige Waren oder Produkte der Landwirtschaft. Noch heute benutzen unzivilisierte Völker ähnliche Gegenstände als Tauschmittel. Ein Beispiel hierfür ist Hinterindien, hier wird Kauris (eine Muschelart, welche die Stelle des Geldes vertritt und an die Salztafeln erinnert) als Tauschware genutzt, deren sich gewisse Stämme Afrikas im Handelsverkehr bedienen. Im Altertum wurden nach dem Vieh auch Gold, Silber und Kupfer die hauptsächlichsten Tauschmittel, denn die Metalle eigneten sich wegen ihrer Schönheit, Seltenheit, Dauerhaftigkeit und Teilbarkeit, das letztere wegen seiner Verwendbarkeit für das praktische Leben, am besten zu allgemeinen Wertmessern. Die genannten Metalle wurden von Käufer und Verkäufer abgewogen, bald wohl auch, um ihren Gebrauch als allgemeines Umlauf-Mittel zu erleichtern, in Barren von gewisser Form und bestimmtem Gewicht gegossen. Um nun das Abwiegen zu ersparen, ging man später dazu über, diese Barren zu stempeln oder gleich beim Guss mit gewissen auf das Gewicht, den Kurswert usw. bezüglichen Bildern oder Zeichen zu versehen. Letztere konnten aber das Gewicht nur dann genügend ersetzen, wenn dem Verkäufer eine Garantie geboten wurde, dass die Marke oder der Stempel das Gewicht des Metallstückes und die Legierung desselben richtig bezeichnete. Da nun Metallbarren zum Austausch nach der Wage jeder Einzelne sich selbst leicht herstellen konnte, so musste das Stempeln von der Gesamtheit, das ist vom Staat ausgehen, und es erklärt sich hieraus, dass, sobald ein Volk in der Entwickelung weit genug fortgeschritten war, um sich des Geldes zu bedienen, der Staat die Regelung des Münzwesens übernahm. Ebenso ist es erklärlich, dass, sobald ein Volk nur einmal dazu gelangt war, sich gestempelter Barren als eines Tauschmittels zu bedienen, die Kunst, Münzen zu prägen, sich entwickelte. Denn um die optimale Teilbarkeit zu erreichen und für den praktischen Gebrauch mussten diese gestempelten Metallstücke klein und in handlicher Form, ähnlich unsern heutigen Münzen, hergestellt werden.

Der Ursprungsort der ersten Münze bleibt unklar

Die Zeit, zu welcher man die ersten eigentlichen Münzen geprägt hat, beziehungsweise welches Volk sich zuerst der Münzen als eines allgemeinen Tauschmittels bediente, hat sich bis jetzt noch nicht genau bestimmen lassen. Jedenfalls liegt die Zeit der Erfindung der Münzen nicht so weit zurück, als man nach den bis auf uns gelangten Überresten der hohen Kultur mancher Völker des Altertums erwarten würde. Es wird zwar vermutet, dass die Chinesen, die den übrigen Völkern mit manchen andern Erfindungen vorausgegangen sind, so auch zuerst des zweckentsprechend geformten Metalls, also der Münzen, als eines Tauschmittels sich bedient haben, doch ist dies eben nur eine nach wie vor unbewiesene Vermutung. Die alten Babylonier, Assyrer, Ägypter, wie hoch auch die Kultur dieser Völker gewesen ist, haben uns nichts hinterlassen, was auf den Gebrauch eigentlichen Geldes schließen lässt, und wenn auch die Ägypter, wie neuere Forschungen ergeben haben, ringförmig gebogener Metalldrähte und dicker Metallstangen sich als eines Tauschmittels bedienten, so können dieselben doch nicht als Münzen in dem Sinne, welchen wir heute mit diesem Begriff verbinden, betrachtet werden. Eben sowenig darf aus den in den ältesten Büchern der Bibel vorkommenden Wertbestimmungen nach „Geld, Groschen, Sekeln usw." ( I. Moses XIII, 2 und XX., 16) auf das Vorhandensein eigentlicher Münzen geschlossen werden, denn jene Benennungen sind nur die freie Lutherische Übersetzung und beziehen sich lediglich auf gewisse Mengen, Gold und Silber, dessen sich die Juden schon frühzeitig als eines Tauschmittels bedienten, welches sie aber beim Handel einander lediglich abwogen. Der Sekel war ursprünglich nur ein Gewicht und erst in späterer Zeit diente diese Benennung zur Bezeichnung eines Geldstücks von gleichem oder ähnlichem Gewicht. Auch zur Zeit des trojanischen Krieges (1194-1184 v. Chr.) hat es noch keine Münzen gegeben, da Homer solche nirgends erwähnt, sondern den Wert einer Ware stets nach andern Gegenständen, meist nach Ochsen, bemisst. Ebenso lässt sich annehmen, dass Homer, obwohl er lange nach dem gedachten Krieg lebte, selbst noch keine Münzen gekannt hat, da er andernfalls das zu seinen Lebzeiten gebräuchliche wohl in den von ihm geschilderten Vorgängen bereits als vorhanden vorausgesetzt hätte.

Der Mythos von König Pheidon aus Argos

Nach einer allgemein verbreiteten Ansicht sollen die ersten Münzen unter dem Könige Pheidon von Argos (um 700 v. Chr.) auf der Insel Aegina, wo die Bearbeitung der Metalle schon früh ausgebildet war, geschlagen worden sein. Diese Ansicht beruht auf einer Inschrift der sogenannten parischen Chronik. Da indessen die parische Chronik verhältnismäßig spät geschrieben ist und die ältesten aeginetischen Münzen selbst keine Andeutung enthalten, welche mit einiger Sicherheit auf die Zeit ihres Entstehens schließen lässt, so wird diese Nachricht, ebenso wie es mit vielen Zeugnissen der alten Schriftsteller, welche weit zurückliegende Zeiten behandeln, der Fall ist, mit Vorsicht aufzunehmen sein. In der Tat wird auch von Herodot, dem Vater der Geschichte, erzählt, dass nicht die Aegineten, sondern die Lydier die ersten Menschen gewesen seien, welche sich geprägter Gold- und Silbermünzen bedient hätten. Diese Annahme wird durch den Umstand unterstützt, dass in dem alten Lydien Münzen gefunden worden sind, welche alle Kennzeichen hohen Altertums tragen, doch dürften die Münzen einzelner Inseln des ägäischen Meeres, sowie manche andere nach den vorhandenen Merkmalen nicht minder alt sein, und es erscheint daher die Annahme nicht ungerechtfertigt, dass diese Inseln gleichsam eine Brücke zwischen Asien und Europa gebildet haben, und dass die Münzprägung auf Aegina, auf den Inseln des ägäischen Meeres und in Kleinasien, wo die Griechen bald nach dem trojanischen Kriege zahlreiche Niederlassungen gegründet und griechische Sprache und Kultur eingeführt hatten, um das Jahr 700 v. Chr. ziemlich gleichzeitig begonnen hat.

Im Übrigen verbreitete sich die Kunst der Münzprägung in der alten Welt, besonders in den Ländern und Städten, wohin griechische Kultur drang, sehr rasch. So wissen wir bestimmt, dass man sich in den griechischen Städten (Großgriechenland) schon sehr zeitig der Münzen bediente, denn es ist uns eine von den Städten Siris und Buxentum gemeinschaftlich geprägte Münze bekannt, welche, da die erstgenannte Stadt bereits 580 v. Chr. zerstört worden ist, vor diesem Jahr geschlagen sein muss. An der Hand dieses sicheren Datums dürfen wir also als zweifellos annehmen, dass die Münzpräge-Kunst mindestens schon mehrere Jahrtausende alt ist.