Das Schmelzbild

Häufiger als die vollständigen Geräte finden sich in Deutschland kleine byzantinische Schmuckplatten. Im Kunstgewerbe-Museum eine Goldplatte mit Zellenschmelz. Aus der runden Platt ist die für das Schmelzbild bestimmte Fläche ausgeschnitten, das Bild, die Halbfigur eines Heiligen, ist daher in möglichst einfachem Umriss gehalten. An dieser Stelle ist unter die Platte ein Kasten gelötet, welcher die für die Schmelzfarben bestimmte Tiefe hat. In diesen Kasten hinein sind goldene Bänder als Umrisslinien der einzelnen Farbflächen gelötet. Die so entstandenen Zellen sind mit der Schmelzmasse gefüllt, welche nach ihrer Fertigstellung in gleicher Ebene mit der oberen Goldplatte liegt. Runde und viereckige Goldplatten dieser Technik, mit Einzelfiguren von Heiligen versehen, scheinen in Konstantinopel in Menge für die Ausfuhr hergestellt zu sein. Man brachte diese Platten wie Edelsteine als Schmuckstücke auf Geräten an, es erklärt sich daraus ihr zahlreiches Vorkommen in russischen Kirchen an Arbeiten, die im übrigen nicht entfernt auf der Höhe dieser Platten stehen. In derselben Weise hat im 12. Jahrhundert Limoges Schmuckplatten von Grubenschmelz in möglichst gemeingültiger Form für die Ausfuhr angefertigt. Außer solchen Bildplatten finden wir auf Kirchengeräten kleine Platten angebracht, welche Teile weiblichen oder auch männlichen Schmuck es sind. Der Sitte, persönliches Eigentum der Kirche zu widmen, verdanken wir die Erhaltung weltlichen Schmuckes aus allen Jahrhunderten. Als frühestes Beispiel haben wir in der Stiftskirche zu Essen an Kreuzen von 974-1054 Teile von Schmuckstücken, welche die griechische Prinzessin Theophanu, die Gemahlin Ottos II, nach Deutschland herüber gebracht hatte. Mit ähnlichen byzantinischen Platten besetzt ist das Kreuz der Königin Gisela um 1000, früher in Regensburg, jetzt in München, mit lateinischer Inschrift, also abendländische Arbeit. Ferner der Deckel des Evangeliums von Echternach, jetzt in Gotha, mit den Bildnissen von Theophanu und Otto III um 990, sowie der von Heinrich II, 1024, jetzt in München. Neben der byzantinischen Kunst, welche Reste der alten Überlieferungen verarbeitet, erwächst in den übrigen europäischen Ländern, innerhalb der

Stämme der Völkerwanderung

ein selbständiger Betrieb, der sich zum Teil mit den ganz primitiven Formen begnügt, welche wir als prähistorische kennen,

Schale aus dem Schatze von Petroassa
Schale aus dem Schatze von Petroassa. IV Jahrh. 0,40 breit

zum Teil aber aus den eroberten Ländern Einzelheiten entwickelter Technik und Formgebung aufgreift. Die wichtigsten Funde auf diesem Gebiete sind die Votiv-kronen westgotischer Könige von 631 und 672 aus Spanien, jetzt in Madrid und im Muse Cluny zu Paris, ferner eine Reihe von Weihgeschenken gotischer und langobardischer Fürsten in der Kathedrale zu Monza. Hiermit verwandt, aber schon künstlerisch entwickelt der Wolfvinus-Altar von 825 in S. Ambrogio in Mailand, sodann als früheste Arbeit der 1837 in Petroassa gefundene Goldschatz, jetzt im Museum zu Bukarest, welchen man dem Gotenkönig Athanarich im 4. Jahrhundert zuschreibt. Die flache Schale mit den Relief-Figuren antiker Gottheiten von unbeholfener spätrömischer Arbeit ist wohl ein zufällig in den Schatz gekommenes Beutestück. Die große Schüssel und anderes ganz rohes Gerät haben nur die Bestimmung, einen gewissen Goldwert zusammenzufassen. Dagegen zeigen zwei tiefe Trinkschalen das eigentliche Kunstvermögen der Zeit. Sie sind im Nachklang an die Form des antiken Kantharos gestaltet, die eine mit den flach abstehenden Griffen, die andere mit stehenden Panthern als Henkeln. Die festen Teile sind belegt mit kleinen, flach geschliffenen Steinplatten, Granat, Kristall, Türkis und Bernstein, welche durch ein Zellennetz von aufrechten Metallrändern in einfacher Musterung festgehalten werden, den Körper des Gefäßes bilden größere Scheiben, in dem rosa-farbigen Netzwerk ohne Unterlage festgehalten, sodass sie durchsichtig bleiben. Wir finden dieselbe Technik in einer überaus fein gearbeiteten Schale aus Steinen und Glasflüssen mit dem Bilde des Sassanidenkönigs Chosroes 579, in der Bibliothek zu Paris, ursprünglich im Schatz von S. Denis, und es scheint kaum zweifelhaft, dass die Goten und Franken diese Technik vom Orient mitgebracht oder durch wandernde Künstler von dorther erhalten haben. In derselben Technik der Zellenverglasung ausgeführt sind im Schatz von Petroassa ferner eine große Halsberge, mehrere Fibeln und hängende Schmuckstücke als halbe Adler gestaltet. Die meisten Stücke sind beim Auffinden durch Unkenntnis und später durch einen Einbruchsdiebstahl beinahe ganz zerstört. Unsere Abbildung zeigt die prächtigste unter den Schalen in genauer Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes, wie sie das Kunstgewerbe-Museum als Nachbildung besitzt.