Die Medaille

Die Form, in der dem Kunstbedürfnis auf numismatischem Gebiet genügt wird, ist seit dem 16. Jahrhundert noch bis heute so gut wie ausschließlich die Medaille. Ihr gebührt daher hier zum Schluss des Abschnitts noch eine kurze Besprechung, obwohl sie eigentlich nicht in den Rahmen dieser Arbeit gehört. Die Medaille hat, wie schon erwähnt, ihren Vorgänger in dem römischen Medaillon, dessen Ursprung in dem Bedürfnis weiterer künstlerischer Betätigung liegt. Auch das Mittelalter besitzt einige Stücke, die schon durch ihr größeres Format die Absicht zu erkennen geben, etwas Besonderes vorzustellen. Beide Bestrebungen, zur Erzielung einer vollendeteren Darstellung vereint, schufen die Medaille, als der Sinn für die Schöpfungen des Altertums aufs neue in Italien erwachte. Gewissermaßen Pate stand bei diesem jüngsten Sprössling der „Dea Moneta“ die Geschichte, der sehr alte Gebrauch, das Geldstück der historischen Erinnerung dienstbar zu machen. Die Vorläufer davon sind zwei Münzen, welche Franz von Carrara 1390 auf die Wiedereroberung von Padua hat schlagen lassen, und eine kleine Reihe gegossener Stücke, die die älteste Geschichte des Christentums behandelte und die Kaiser Augustus, Tiberius, Philippus, Konstantin und Heraklius darstellte. Erhalten scheinen nur die beiden letzten zu sein, die sich auf den Sieg des Christentums und die Heimführung des den Persern wieder abgenommenen Kreuzes Christi beziehen. Man vermutet das der Künstler einen Italiener war, da die gleichen Darstellungen sich auch an der Certosa bei Pavia wieder finden. Nach einer anderen Ansicht soll er ein Vlame sein.

Der erste und nach allgemeinem Urteil auch zugleich der größte Meister der Medaille ist der Maler Vittore Pisano, auch „Pisanello“ genannt, von Verona, der seine Medaillen in Wachs oder Ton formte, dann in Blei oder Bronze goss und endlich mit dem Grabstichel nachzeichnete. Sie zeigen dieselbe großartige Einfachheit wie seine Bilder. Nur auf das Große, das Eigenartige sind sie gerichtet. Alles Zierliche hingegen, die kleinlichen Einzelheiten sind ausgeschaltet. Nirgendwo sonst treten uns die Übermenschen des Quatrocento, diese „Ungeheuer von Fleisch und Blut", die Condottieren und Tyrannen, die geistvollen Staatsmänner und tiefsinnigen Gelehrten, mit so packender Lebenswahrheit entgegen, wie hier. Die neue Kunst fand sofort begeisterte Aufnahme in ihrem Ursprungsland, da die zur Leidenschaft ausgeartete Ruhm-Sucht der Zeit in ihr ein noch nicht verbrauchtes Ausdrucksmittel erkannte. Alle drängten sie sich herzu, die großen und kleinen Herren, die einheimischen und auswärtigen Fürsten, die das Land in hundert Reiche zersplittert besaßen, selbst der Zerstörer des Kaisertums Byzanz, der humanistisch angehauchte Sultan Mohammed II., ließ sich auf diese Weise verewigen. Sofort bemächtigte sich auch schon die Sammlerleidenschaft der Medaille. Wie in der Malerei, so bildeten sich auch unter den Medailleuren förmliche Schulen mit eigenen Manieren und besonderen Auffassungen und Bestrebungen. In Venedig, Verona, Mantua , Padua, Florenz, Neapel, Rom usw. und gefeierte Namen, wie die der Maler Gentile Bellini und Francesco Francia findet man in den Künstlerverzeichnissen. Nach 1500 greift die Medaille nach Deutschland über, auch hier sehr bald große Meister, wie Albrecht Dürer und Peter Vischer den Jüngeren unter ihren Meistern zählend aber sich durchaus selbständig entwickelnd. Ihre Vorläufer hat sie in einigen talerförmigen Schaustücken, unter denen sich insbesondere die 1477 zur Vermählung des jungen Maximilian mit Maria, der Erbtochter von Burgund, erschienenen auszeichnen und sie bleibt auch in einem gewissen engeren Zusammenhang mit dem Kurantgeld durch zahlreiche Zwischengebilde, die Schautaler und talerförmigen Medaillen, die man sowohl der einen wie der anderen Gruppe zurechnen kann. Im übrigen lehnt sie sich an die Bildschnitzerei an, die ihr die Modelle in Buchsbaum oder Stein schneidet. Wir finden in den ersten Jahrzehnten weit mehr Privatleute als Fürsten dargestellt: Gelehrte, Geistliche, hervorragende Bürger der Städte, oft auch ihre Frauen und ihre ganze Familie. Man hat sich offenbar ebenso mit Medaillen beschenkt, wie wir heutzutage Photographien austauschen. Darum hat bei uns die Medaille nicht den großartigen, heroischen Zug ihrer italienischen Schwester, sie wirkt mehr sinnig und gemütvoll, wie sie durch die liebende Sorgfalt besticht, mit der alle Kleinigkeiten an Haar und Bart und der Kleidung ausgeführt sind. Die „fürsorglichen und achtbaren" Herren sind es, die hier vor uns stehen. In einer Hinsicht jedoch bleiben unsere Landsleute hinter den Italienern erheblich zurück, nämlich bei der Behandlung der Rückseiten. Sie begnügen sich meistens mit Wappen und Devise des Dargestellten, während jene, an der Anschauung der Antike geschult und insbesondere in der Behandlung des Nackten geübt, auch hier einen unerschöpflichen Reichtum entfalten. Nürnberg und Augsburg sind die Hauptsitze der deutschen Medaillenkunst, die sich bald zu einer förmlichen Industrie entwickelt. Friedrich Hagenauer (1526-1531 in Augsburg, später in Köln) und der Nürnberger Valentin Maler († 1603) dürften unter den älteren Meistern die fruchtbarsten sein. Außer den Italienern und den Deutschen haben eigentlich nur noch die Franzosen, zu Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts, und einige Niederländer, unter ihnen der Maler Quintin Messys, Hervorragendes geleistet. Für die übrigen Länder haben meistens fremde Künstler gearbeitet, so dass die Medaillenkunst bald denselben internationalen Zug annimmt, den Malerei und Skulptur zeigen. Auch der Orient hat Medaillen, allerdings, wie in Rücksicht auf seinen Glauben nicht anders zu erwarten, nur ganz vereinzelte, die dafür aber um so merkwürdiger sind. So gibt es ein ungewöhnlich großes Geldstück des Kalifen el Mutawakkil aus dem Jahr 855, das sein sorgfältig gearbeitetes Brustbild, auf der Rückseite einen Mann, der ein Kamel am Halfter führt, zeigt, und der Kalif el Muktadir (908-932) hat sich auf einer richtigen Schaumünze sogar als Trinker und Lautenspieler darstellen lassen (s. Abb. 70). Beide Gepräge sind für den gläubigen Moslem ebenso anstößig wie für den Forscher rätselhaft. Auch der Großmogul Dschehangir (1605-1628) ist mehrfach auf Goldstücken abgebildet worden, merkwürdigerweise auch einmal den Weinbecher in der Hand haltend. Kurantgeld dagegen (Mohurs und Rupien) sind seine berühmten ,,Zodiakalmünzen" mit den Bildern des Tierkreises, die der (nachweislich falschen) Sage nach seine Ge¬mahlin Nurdschehan hat schlagen lassen, nachdem sie sich eigens zu diesem Zweck die Herrschaft auf einen Tag hatte abtreten lassen. Aus Indien stammt endlich noch eine große Medaille des vom Hauche der Romantik umwehten Haidar-Ali von Maisur. Auch sie ist ein überaus seltsamer Verstoß gegen die Satzungen des Islam.

In der Technik hat man sich leider schon sehr früh vom Guss entfernt und die rascher arbeitende, die Vervielfältigung erleichternde Prägung bevorzugt. Seit dem 17. Jahrhundert werden der Gussmedaillen immer weniger, allmählich bilden sie seltene Ausnahmen, die nur noch ab und zu, gleichsam als interessante Versuche auftauchen. Einen solchen verdanken wir z. B. Johann Gottfried Schadow, in Gestalt der prachtvollen Goethe-Medaille von 1816 mit dem steigenden Pegasus. Erst in allerneuester Zeit haben französische und österreichische Künstler dieses Verfahren neu belebt und im Deutschen Reich bemühte man sich, ihnen nachzueifern, vorläufig noch ohne vollen Erfolg. Daneben haben wir zahlreiche gravierte Medaillen, auch solche in Niello-Technik, und der Niederländer Pieter van Abeele hat große getriebene Stücke hergestellt. Sie wirken sehr pompös und gleichzeitig sehr massig. Als Steine im Brettspiel haben in Holz geschnittene oder gepresste, oft sehr hübsche Medaillen gedient. In der Größe hat man ebenfalls die künstlerische Willkür frei walten lassen, leider hat man sich jedoch dabei oft törichter Künstelei und übertriebener Prunksucht schuldig gemacht. Es gibt Stücke von Linsengröße und welche von dem Umfang eines kleinen Tellers. Die größten, zumindest die der älteren Zeit, sind die bekannten Medaillen Friedrich Wilhelms I. von Preußen mit seinen Paraden (132 mm), ganz zu schweigen von den „Schaupfennigen" von 20-85 Kilogramm, in denen die Tiroler unterschiedliche Proben ihrer Silber-Ausbeute Angehörigen des Kaiserhauses verehrt haben.

Die Verwendung der Medaille ist nicht minder mannigfach, wie ihre Technik. Sie diente, wie wir gesehen haben, zunächst dem der Ruhmsucht und der Freundschaft gemeinsamen Bestreben, das Andenken an eine Person lebendig zu erhalten. Die Fürsten versuchten diesen Zweck zu fördern, indem sie die Medaille entweder in Gold ausführen oder mit Schmelzfarben überziehen und mit einer gefälligen, oft kostbaren Umrahmung versehen ließen. Der Beschenkte trug dann das Stück am Hut, an der Feldbinde, an einem Band oder einer Kette um den Hals, wie das Kleinod eines Ordens, den solch ein Stück schließlich ersetzte. Die Sitte, Medaillen geradezu für Auszeichnung, insbesondere im Kriege, zu verleihen, ist aber erst sehr späten Ursprungs. Fabel sind insbesondere die öfters erwähnten Tapferkeits-Medaillen, mit denen Wallenstein und Gustav Adolf ihre Krieger dekoriert haben sollen. Ohne Nachahmung blieb lange der Vorgang Peters des Großen von Russland, der nach der Schlacht von Pultawa 1709 alle Offiziere und Soldaten seines siegreichen Heeres mit einer tragbaren Medaille beschenkt hat. Ihm folgte Schweden im Kriege mit Preußen 1762, dann Katharina II. 1770 nach der Schlacht von Tschesme. Ihre Medaille trägt die wenigstens allgemein verständliche Inschrift: „Ich war auch dabei". Im Jahre 1790 nach der belgischen Revolution folgt Österreich, 1813 dann verschiedene deutsche Staaten. Die Medaillen für Zivilverdienst beginnen in Österreich 1748, in Preußen 1795. Dagegen gibt es Medaillen als Prämien für Schüler schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts, wo sie ungefähr gleichzeitig in Altorf bei Nürnberg und in Breslau aufkommen. Sie eröffnen die ungeheure Reihe der Preismedaillen für allerlei Leistungen in Industrie und Landwirtschaft, Kunst und Wissenschaft, Spiel und Sport. Noch zahlreicher sind die Medaillen, die weniger eine Person als vielmehr ein Ereignis zeigen. Häufig bilden sie auch beides zugleich ab, dann wird es schwierig festzustellen, ob mehr die erstere oder das letztere gefeiert wird. Sie werden seit dem Ende des 17. Jahrhunderts immer zahlreicher und dürften im 18. und 19. die Personenmedaillen überwiegen. Hier ist das Arbeitsfeld der modernen Medaillen-Massenfabrikation, die nicht mehr im Auftrage eines einzelnen Fürsten oder Privatmannes arbeitet, sondern für den Handel. Ansätze hierzu finden sich schon im 16. Jahrhundert in Deutschland, später wird dieses Geschäft von allen Medailleuren betrieben, z. T. in gewaltigem Umfang, wie von Wermuth in Gotha, der Familie Kittel in Breslau, den Loos in Berlin u.a. Von einigen dieser Männer besitzen wir lange Folgen von Medaillen mit den Bildern aller Fürsten eines Landes bis hin zu ihren sagenhaften Vorfahren (römische Kaiser, Lothringen, Polen usw.), von Ärzten oder sonstigen Angehörigen eines bestimmten Berufes, auch mit Abbildungen berühmter Bauwerke. So wenig heute im allgemeinen Münzen gesammelt werden, so verbreitet muss die Liebhaberei für Medaillen sein, nach der Menge zu urteilen, die davon alljährlich erscheint. Selbst der schlimmste Schund findet noch seinen Abnehmer, und mit der Schnelligkeit des Reporters folgt diese „Kunst" den Sensationen, sogenannte „Eintags-Berühmtheiten“ zu feiern. Schreitet sie auf der betretenen Bahn fort, so wird sie bald auf dem ästhetischen Standpunkt der „historischen Ansichtskarte" angelangt sein. Im letzten Abschnitt wird im Zusammenhang mit der Tendenz- und Gedenkmünze auch die Geschichts- und die religiöse Medaille näher betrachtet werden.

Die Plakette

Eigentlich nur eine Abart der Medaille ist die Plakette, die sich zu ihr verhält wie die Klippe zur Rundmünze. Ihr Kennzeichen ist die viereckige, meist verhältnismäßig sehr breite oder sehr hohe Form. Zudem war diese Art mehr dem Kunstgewerbe vorbehalten. Man verwendete solche Täfelchen in Guss-, Präge- und getriebener Technik gern zu Beschlägen, die italienischen wie die deutschen Künstler haben große Mengen davon geschaffen. Um 1820 hat die königliche Eisengießerei in Berlin alljährlich solche kleine Platten, meist mit Ansichten von Gebäuden und Denkmälern, herausgegeben, die als Weihnachts- und Neujahrsgeschenke sehr beliebt waren („fer de Berlin"). Diese Sitte hat den Wiener F. X. Pawlik zur Schaffung sehr anmutiger Plaketten in Form von Glückwunschkarten angeregt. Zudem haben auch französische und andere Künstler allerlei Zierliches und Sinnreiches in derselben Form auszudrücken gewusst. Danach ging man dazu über, mit der Plakette der Medaille Konkurrenz zu machen, insbesondere sie zur Verewigung des Andenkens an eine Person zu nutzen. Man ist hierbei jedoch nicht glücklich gewesen. Zugegeben, dass die eckige Gestalt, das längliche und hohe Format dein Bildner Vorteile gewähren und Möglichkeiten eröffnen, die ihm die runde Scheibe versagt, aber man hat sich auch hier wieder einmal zu starken Übertreibungen hinreißen lassen und riesige Tafeln geschaffen, die an Friese und Grabsteine erinnern, aber gewiss nicht an Münzen. Vielleicht sollen sie das auch gar nicht, jedenfalls hat die Numismatik auch in der weitesten Ausdehnung ihres Begriffes mit diesen „Ungetümen“ nichts zu tun.