Goldschmiedearbeiten aus Deutschland. Orte & Meister

Die Herkunft der uns erhaltenen Goldschmiedearbeiten ist erst durch die Forschungen der letzten Jahre einigermaßen festgestellt. An den umfangreichen Arbeiten des Mittelalters, welche auf Bestellung vornehmer Stifter für besondere Zwecke gearbeitet wurden, findet sich gelegentlich eine inschriftliche Angabe über Ort und Meister. In der Folgezeit ist dies verschwindend selten. An die Stelle der einzelnen klösterlichen Meister traten bereits im 13. Jahrhundert die bürgerlichen Zünfte. Diese und die städtischen Behörden übernehmen eine Gewähr für Vollwichtigkeit und Güte sämtlicher Arbeiten. Die Zünfte ordnen sich im 14. Jahrhundert ziemlich gleichmäßig in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden. Wir kennen Ordnungen der Goldschmiede von Nürnberg, Augsburg, Straßburg, Gent, Riga, Wismar, Aachen, Berlin usw. Abgesehen von den Vorschriften über die Zahl der Gesellen, das Recht des Verkaufs und ähnliches kehrt gleichmäßig in ihnen die Bestimmung wieder, dass die Arbeiten amtlich Wenzel Jamnitzer in Nürnberg, "beschaut" und dass als Beleg dieser Schau Stempel eingeschlagen werden.

Augsburg, XVI Jahrh.Leipzig, XVI Jahrh.Augsburg mit JahresbuchstabenRegensburg, XVI Jahrh.Nürnberg, XVI Jahrh.Berlin, XVII-XVIII Jahrh.Wenzel JamnitzerBernhard Quippe in BerlinHans PetzoltParis Stadtzeichen

Diese "Merkzeichen“ oder „Beschau-Zeichen" finden sich daher, besonders seit dem 16. Jahrhundert, fast auf jedem Stück, durch vergleichendes Zusammenstellen derselben ist jetzt ein sicheres Material über die Herkunft von vielen Tausenden der uns erhaltenen Silberarbeiten gewonnen. Das wichtigste ist für uns das Beschau-Zeichen der Stadt. Dasselbe besteht gewöhnlich aus einem Anfangsbuchstaben: N = Nürnberg, D = Dresden, L = Leipzig, Z = Zürich, oder aus einem Wappenzeichen: Der Pinien-zapfen "Pyr " = Augsburg, der Bindenschild = Wien, der Adler Frankfurt a. M. nebst verschiedenen anderen Städten, das Kindlein = München, oder auch einem sprechenden Zeichen: Die Hand Antwerpens. Trotzdem für den Marktverkehr die Beständigkeit der Zeichen erwünscht sein musste, wechseln dieselben dennoch. Die gotische Minuskel „r“ von Rostock im Mittelalter wird zur lateinischen Majuskel „R“ im 16. Jahrhundert. Das „N“ von Nürnberg kennen wir in elf verschiedenen Formen, den Löwen von Lüneburg in sechzehn. Man ändert auch wohl mit Absicht, um durch die Form zugleich die Zeit der Herstellung zu bezeichnen. Man setzt auch neben das Zeichen einen besonderen Jahresbuchstaben, der in der Reihenfolge des Alphabets entweder jährlich (Paris) oder in gewissen Perioden, meist 2-3 Jahre (Berlin, Dresden, Leipzig, Nürnberg, London), wechselt, gelegentlich auch mit dem Stadtzeichen zu einer einheitlichen Marke verbunden wird (Augsburg, Hamburg). Auf diese Weise haben wir den Augsburger " Pyr " in 89 Formen, welche es uns ermöglichen werden, die Zeit der Herstellung jedes Stückes bis auf wenige Jahre genau zu bestimmen. Das Meisterzeichen findet sich in den meisten Fällen daneben eingeschlagen. Den betreffenden Stempel führt der Meister, er enthält die Anfangsbuchstaben seines Namens: „J S“ = Jonas Silber, „L B“ = Ludwig Biller oder Hausmarken wie der Widder des Petzoldt, gelegentlich beides vereint, wie bei den Jamnitzern, häufig sprechende Zeichen: ein Horn = Jäger, eine Rose = Rösner. Um vor Missbrauch zu schützen, hatte jeder Meister seinen Stempel in eine Bleiplatte einzuschlagen. welche auf dem Rathaus und auf der Zunftstube verwahrt wurde. Solche Platten unter Beifügung des Namens besitzen wir von 1408 aus Rouen, von 1454 aus Gent, aus dem XVI Jahrhundert von verschiedenen Stellen. Zum Lesen dieser Zeichen helfen uns dann noch vornehmlich die verschiedentlich erhaltenen "Meisterrollen", in welchen die Meister in der Reihenfolge ihrer Aufnahme eingetragen stehen. Trotzdem ist die Lesung dieser Merkzeichen noch keineswegs in allen Fällen sicher, sie wird dadurch erschwert, dass ganze Familien in demselben Handwerk stehen und in den Familien bestimmte Namen sich wiederholen. Dass sich in den Familien die Modelle vererben, vermehrt die Unsicherheit.