Die Pokalform entwickelt sich

Die Form dieses Pokals entsteht nicht wie die Form der antiken Gefäße aus einer künstlerischen Erfindung der Umrisslinien, sondern beruht auf technischen Grundbedingungen, und zwar auf den Eigenheiten des Metalltreibens geradeso wie das architektonische Formgerüste der Gotik auf der rechnerisch gewonnenen Formel des Steinmetzen. Die Form des gotischen Pokals erwächst so gut wie ausnahmslos aus der Rundung. Der Pokal ist ein Trinkgefäß von hoher Wandung, die Buckel werden in zwei Kränzen von gleicher Zahl angeordnet, ein unterer mit kleinen Buckeln, ein oberer, der Ausweitung des Gefäßes entsprechend, mit größeren. Jeder dieser „Buckelkränze“ kann verdoppelt werden, dies führt jedoch nicht zu einer Vierteilung, sondern die Zweiteilung in der Höhe bleibt unter allen Umständen bestehen. Wo der untere und der obere Buckelkranz— etwas unterhalb der Mitte des Pokals zusammentreffen, erscheint der Körper in sich gedreht und dadurch leicht eingeschnürt. Innerhalb des Kranzes stoßen die Buckel scharf aneinander, nach oben und unten hin schießen sie, fischblasen-artig geschwungen, mit schlanken Spitzen zwischen die nächsten Kränze hinein, gelegentlich in sehr schwierigen und kunstvollen Windungen. Den schlanken Schaft des Fußes bildet eine Röhre, deren Riffel nach unten hin wieder in einem Kranz von Buckeln enden, welcher dann naturgemäß einen pass-artigen Abschluss, der Zahl der Buckel entsprechend, ergibt. Diese Riffel und Buckel können nur konstruktiv, aber nicht ornamental ausgebildet werden. Ebenso wie die Dienste an den Pfeilern der gotischen Architektur, welche rein konstruktiv in das Rippenwerk der Gewölbe übergehen, keine ornamentale Ausbildung im Sinne der antiken Kunst, keine Basis und kein Kapitel haben können, sondern nur durch umgelegte Blattkränze verziert werden können, so verfügt auch der gotische Pokal zu seinem Schmuck lediglich über angesetzte Blattkränze von selbständiger Bildung, welche ganz äußerlich einen Abschluss bezeichnen oder auch nur die Aufgabe haben, eine schlecht ausgebildete Stelle, wie den Ansatz des Fußes an den Kelch, zu verhüllen. Der Deckel ist wie der Becher aus Buckelkränzen gebildet, als Abschluss findet sich niemals ein Knauf, sondern die an dieser Stelle scharf zusammenlaufenden Spitzen der Blasen erscheinen in eine Ranke ausgezogen, welche, ähnlich wie die Kreuzblume, aber in weniger strengen Formen, nach oben ausladet. Hier findet sich ein Blütenkelch mit Blumen oder Frucht, auch wohl mit figürlichem Schmuck, dem einzigen an diesem Pokal. Auf diese Weise bildet der Buckel-Becher, welcher als »knorrecht« oder »knorret« bezeichnet wird, ein geschlossenes organisches Ganzes von höchster Standfähigkeit, höchstmöglichem Inhalt und glänzender Leuchtkraft auf den bewegten Flächen. Auch im Innern des Bechers ist die Spiegelung in den Höhlen der Buckel von außerordentlichem Reiz. Es ist zu beachten, dass von dieser volkstümlichen Silberarbeit der Gotik in die kirchliche Kunst so gut wie nichts übergeht. Ein gebuckelter Fuß einer Monstranz — Kirche in Gemünden —fällt als ganz ungewöhnlich auf. Dagegen ist für den Pokal das „knorrechte“ gotische System so folgerichtig und fest begründet, dass es alle späteren Stilentwicklungen überdauert. Neben den klassischen Konturen der Renaissance hält sich die Buckelung im handwerklichen Betriebe bis tief in das 18. Jahrhundert hinein. Heute noch finden sich Becher des 17. und sogar des 18. Jahrhunderts, bei denen nur die genaue Beachtung der Einzelheiten erkennen lässt und die Stempel es beweisen, dass es nicht Arbeiten der gotischen Zeit sind.

Kaiserbecher von H. Petzolt
Kaiserbecher von H. Petzolt. Nürnberg , um 1580. 0,50 hoch

Das glänzende Beispiel eines gotischen Pokals von verwickelter Führung der Buckel ist der Becher von Wiener Neustadt, den Kaiser Friedrich III. und Matthias Corvinus gemeinsam im Jahre• 1462 zur Feier des Friedensschlusses dorthin gestiftet haben. Hier sind um den oberen Rand, um Deckel und Fuß Kränze von durchbrochener, mit Schmelzfarben verzierter Arbeit gelegt. Der Traubenbecher beruht ebenfalls auf der Buckelung, und zwar in ihrer einfachsten Form. Halbkugel-förmig heraus getriebene kleine Buckel, fest aneinander gerückt und mit den Spitzen ineinander schiebend, bilden den Körper, mit der zunehmenden Weite des Bechers wachsen die Buckel und schwinden nach Fuß und Spitze hin. Es wird durch diese Buckel ohne weiteres das Bild einer fest geschlossenen Traube erzielt, und man hat diese Ähnlichkeit betont. Der Körper bekommt keine Einschnürung, sondern behält die annähernd eiförmige Gestalt. Der Deckel wird nicht mit einem besonderen Reifen abgesetzt, sondern greift mit den Spitzen seiner Buckel in die Buckelreihen des Körpers ein, sodass die Traube völlig geschlossen erscheint. Der Schaft wird mit Vorliebe wie ein Rebstock gebildet, dem nicht selten kleine Figürchen von Winzern beigegeben sind. Dementsprechend wird der Griff zur Ranke mit einzelnen Blättern. Die Form ist aber so beliebt, dass sie auch beibehalten wird, wenn man in dem Schaft oder auf dem Deckel zu heraldischem oder figürlichem Schmuck übergeht. In dieser Art der von Petzo1t in Nürnberg um 1580 gefertigte Traubenbecher mit der herrlichen, an Peter Vischers Wenzelsleuchter erinnernden Figur eines geharnischten Kaisers im Schaft, wohl das schönste uns erhaltene Beispiel dieses Typus, früher im Besitz der Stadt Elbing.

Haufebecher
Haufebecher. XVI Jahrh. 0,08 br.

Alle Pokale dieser Zeit sind mit Deckeln versehen, ihr großer Umfang machte es unmöglich, sie auf einen Zug zu leeren, sodass der Wein gegen Verdunstung geschützt werden musste, um so mehr, da man sich die schlechten Weine jener Zeit, welche man bis Königsberg hinauf baute, durch Einkochen mit Zucker und Gewürze genießbar machte und sie mit Vorliebe heiß trank. Das Trinkgerät des mäßigen Südländers, welches ein kleines Maß verdünnten Weines aufnimmt, bedarf des Deckels nicht. Die kleineren Becher des Nordens haben nicht regelmäßig, aber auch noch häufig einen Deckel, vornehmlich die in Turmform ausgebildeten. Diese stehen auf einem besonders gearbeiteten ringförmigen Sockel in Form eines Mauerkranzes, der von Türmen, oder in Form eines Blattkranzes, der von Figuren getragen wird. Der Deckel solcher Becher ist dann nicht selten als Burg gestaltet. Neben dem Deckelbecher finden sich als einfachstes Gebrauchsgerät Becher mit glatter Wandung, nach oben hin etwas erweitert und unten flach abgeschnitten. Reichere Ausbildung dieser Form im Übergang zur Renaissancekunst in den zahlreich erhaltenen Silberbechern der Deutschen in Siebenbürgen. Der einfache Pokal wird durch Aufstülpen eines gleich großen zur »Doppelscheuer«.